Care Revolution | Ehrenamt – Eine Rezension
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Ehrenamt – Eine Rezension

Aktuelles – 28. Mai 2026

Das „Ehren“amt ist ein wichtiger, häufig vergessener Teil der unentlohnten Arbeit. Es wird innerhalb der gesellschaftlichen Linken kontrovers diskutiert. So wies das Medibüro Berlin 2016 in der Kampagne „Es ist uns keine Ehre“ darauf hin, dass die Medibüros notdürftig tun, was der Staat organisieren müsste, ihre Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung dennoch unerlässlich ist. Den Gedanken, dass im ehrenamtlichen Engagement die strukturelle Sorglosigkeit des Kapitalismus gestützt wird, systematisierten dann Silke van Dyk und Tine Haubner als „Community-Kapitalismus“ (1). Umgekehrt zeigte Gabriele Winker (2), wie sehr das „Ehrenamt“ auf den Wunsch nach einer sinnvollen, an menschlichen Bedürfnissen orientierten Arbeit verweist. Schließlich demonstrierten Silke Helfrich und David Bollier in ihrem grundlegenden Buch ‚Fair, frei und lebendig‘(3), wie in der gemeinsamen, unentlohnten Arbeit auch organisatorische Alternativen zum kapitalistischen Wirtschaften entstehen.

Viola Schubert-Lehnhardt stellt in ihrem Beitrag das Buch ‚Ehrenamt‘ von Alexandra Hilkenmaier vor, das zu dieser Debatte beiträgt. Vielen Dank!

Alexandra Hilkenmeier: Ehrenamt

Verlag Kremayr & Scherlau Wien 2026, ISBN 978-3-218-01512-7, 135 S.

Die Autorin war und ist jahrelang ehrenamtlich tätig – im Österreichischen Jugendrotkreuz, der Bundesjugendvertretung, beim Europäischen Forum Alpbach sowie einem Freiwilligendienst in Ghana. Sie reflektiert daher sowohl umfangreich eigene persönliche Erfahrungen als auch europäische Strukturen dieses Engagements. Somit enthält der Text persönliche Geschichten, Denkanstöße und internationale Vergleiche. Die zentrale Frage dabei ist: Muss Ehrenamt immer die Lösung sein oder wird es nicht auch häufig genutzt um Kosten zu sparen?

Zunächst wird der Begriff Ehrenamt aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Erst die Klarheit über diesen Begriff ermögliche eine faire Diskussion über Motivation, Anerkennung und Wertschätzung im ehrenamtlichen Engagement. Ehrenamt basiere auf 5 klassischen Faktoren: freiwillig, unbezahlt, kooperativ, gemeinnützig und im öffentlichen Raum. Es unterteilt sich in formelles und informelles Ehrenamt: formell ist es dort, wo es einen gewissen organisatorischen Rahmen gibt (z.B. bei der freiwilligen Feuerwehr), informell ist es flexibler, spontaner ohne offizielle Mitgliedschaft. Es gibt Schnittstellen zur Care-Arbeit, beides ist jedoch nicht dasselbe. Care kann ehrenamtlich sein, aber Ehrenamt ist nicht immer Care. Der größte Unterschied zwischen beiden sei jedoch, dass Care-Arbeit nicht immer freiwillig ist, weil es häufig eben keine Alternative gäbe.

Im weiteren beschreibt A. Hilkenmeier die verschiedensten Einsatzgebiete von Ehrenamt: Rettung, Feuerwehr, Katastrophenschutz, Sozial- und Gesundheitsbereich, Bildung, Kunst, Kultur, Unterhaltung, Kirche, Sport, Natur- und Tierschutz, politisches Engagement. Deutlich treten in den einzelnen Bereichen Geschlechterunterschiede auf: Frauen engagieren sich stärker in sozialen und kirchlichen Organisationen. Ein weiterer Aspekt käme hinzu: Ehrenamt muss man sich leisten können. „Nur wer seine Grundbedürfnisse ohne große Mühe decken kann, hat die Freiheit, verbleibende Zeit und Energie für andere einzusetzen.“

Ausführlich widmet sich die Autorin der Motivation für das Ehrenamt und hier insbesondere dem Einsatz in sog. Entwicklungsländern. Ausgangspunkt sei häufig ein jahrelang vermitteltes Denkmuster, dass die Länder des Globalen Südens „hilfsbedürftig“ seien und Menschen aus dem Globalen Norden sich an der „Entwicklung“ dieser Länder beteiligen könnten. Zudem würden nicht die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung im Fokus stehen, sondern die Erlebnisse der „Helfenden“. „Ehrenamt wird zur persönlichen Reise, zum Abenteuer mit moralischem Mehrwert und wertet ganz nebenbei den Lebenslauf auf“. Ein zentrales Problem sei, das Freiwillige auf Grund des Privilegiensystems (sie sind Gäste im Land) nur selten für ihr Verhalten oder ihre Fehler kritisiert werden können. Häufig seien sich die Freiwilligen (u.a. durch mangelnde Vorbereitung durch die entsendenden Organisationen und ungenügendes eigenes Reflektieren der politischen Verhältnisse) nicht einmal der Denkmuster bzw. des „paradoxen Helfens“ bewusst.

Auch im Inland wird sich zu wenig damit auseinandergesetzt, dass es Schattenseiten dieses Engagements gibt – insbesondere dann, wenn Freiwillige Tätigkeiten unentgeltlich übernehmen, die ursprünglich von bezahlten Mitarbeitern ausgeführt wurden.

Das Buch lädt dazu ein, genauer hinzusehen, nuancierter vom Ehrenamt zu sprechen, wacher, selbstkritischer und gleichzeitig nicht misstrauisch gegenüber seinen schönen Seiten.

In der Einleitung angegebene Literatur:

1) Van Dyk, Silke; Haubner, Tine: Community-Kapitalismus. Hamburger Edition 2021

2) Winker, Gabriele: Solidarische Care-Ökonomie. Revolutionäre Realpolitik für Care und Klima. transcript 2021

3) Helfrich, Silke; Bollier, David: Frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons. transcript 2019

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