Care Revolution | Feminist Futures II – Feministisch vergesellschaften. Einige Eindrücke eines Teilnehmenden
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Feminist Futures II – Feministisch vergesellschaften. Einige Eindrücke eines Teilnehmenden

Aktuelles – 05. Oktober 2026

Die Rosa Luxemburg-Stiftung und das Marie Jahoda Center for International Gender Studies luden vom 25. bis 27. September zur Konferenz Feminist Futures II: Feministisch vergesellschaften nach Bochum ein. Die „II“ im Titel verweist auf die Vorläuferkonferenz 2019 in Essen mit 1.500 Teilnehmer*innen, in deren Rahmen das Netzwerk Care Revolution sein 5-jähriges Jubiläum feierte. Schon deshalb war es für uns naheliegend, als Netzwerk auch diese Konferenz zu unterstützen.

Während erste Planungen noch vorsichtig waren und das Marie Jahoda Center etwa auf seiner Website mit „rund 800 Teilnehmenden“ rechnete, waren es dann doch weit über 1.000 Teilnehmer*innen. Das Programm war entsprechend umfangreich und vielfältig. Viele teils prominente Sprecher*innen waren eingeladen worden, aus der Wissenschaft und vor allem auch aus Gruppen und Organisationen sozialer Bewegungen. Dabei achtete das Organisationsteam darauf, dass die Diversität der Bewegungen sich auch in der Auswahl der Redner*innen niederschlug und dass es viele Gelegenheiten gab, von Aktivist*innen in anderen Staaten zu lernen, wo diese deutlich weiter sind. Als Beispiele seien die Streiks der Lehrer*innengewerkschaft in Los Angeles erwähnt, die auch Forderungen aufgriffen, die Leben und Versorgung in den Stadtteilen betrafen, und die Projekte zur Verwirklichung „sorgender Städte“ insbesondere in Lateinamerika. Die Workshops aufzuzählen, sprengt den Rahmen; Interessierte sind auf die Seite der RLS verwiesen und auf die Dokumentation, die noch erstellt werden soll. Beiträge einiger Referent*innen sind zudem in einer kostenlos bestellbaren Broschüre versammelt.

Dass die Planung dieser großen Konferenz mit einem kleinen Team und in recht kurzer Zeit sehr fordernd und vielleicht am Rande des Machbaren war, war bei der Konferenz selbst kaum zu merken. Es rumpelte, wenn überhaupt, hinter den Kulissen, und in der neugierigen, suchenden, respektvollen Stimmung fühlte sich der Autor des Beitrags und dem Eindruck nach auch viele andere aufgehoben. Sie erinnerte etwas an die Gründung des Netzwerks Care Revolution 2014. Die Atmosphäre ein wenig trübend war jedoch der Veranstaltungsort: Die Uni Bochum, die ihren Lehrbetrieb 1965 aufnahm, ist ein Beton-Monstrum, und die Hörsäle, in denen fast alle Veranstaltungen stattfanden, entsprachen der Denke der Ordinarienuniversität: Es wird schon baulich deutlich, wer etwas zu sagen und wer zuzuhören hat, und dass die Zuhörer*innen sich während der Workshops in Kleingruppen austauschen, wurde durch die festen, nach vorne ausgerichteten Sitzreihen ziemlich erschwert. Das bekamen die Teilnehmer*innen aber dennoch hin – während der und zwischen den Veranstaltungen.

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In den vielen Workshops ging es, wie der Konferenztitel sagt, schwerpunktmäßig um Vergesellschaften aus feministischer Perspektive. Diese beinhaltet, dass alle Arbeit, entlohnt oder nicht entlohnt, nicht nur als Teil der Ökonomie wahrgenommen, sondern auch Gegenstand der Vergesellschaftung sein muss. Vergesellschaftung ist dabei verstehbar als tatsächliche Verfügung der Arbeiter*innen und Nutzer*innen über die Orte, Bedingungen und Ergebnisse des Arbeitsprozesses. Weil aber die unentlohnte Arbeit nach wie vor vor allem Frauen bzw. weiblich gelesenen Menschen zugeschrieben wird, ist eine solche Erweiterung des Konzepts der Vergesellschaftung feministisch. Vergesellschaftung bezieht sich dann auch nicht allein auf die demokratische Steuerung des gesamtwirtschaftlichen Prozesses und auf die Verfügung über Betriebe, sondern auch über Räume und Prozesse reproduktiver Arbeit. Das betrifft die Gestaltung von Stadtvierteln und Wohnblöcken nach den Bedürfnissen der dort Lebenden, es betrifft auch Alternativen zur Kleinfamilie.

Auch wenn häufig betont wurde, dass sich feministisches Vergesellschaften auf alle räumlichen Ebenen bezieht, lag doch ein Schwerpunkt der Konferenz auf der kommunalen Ebene. Dies motivierte beispielsweise Sabine Daams, Mitorganisatorin der Konferenz, in der Konferenzbroschüre so: „Auffällig ist, dass viele der interessantesten Versuche, eine solche Politik praktisch werden zu lassen, derzeit auf der lokalen Ebene entstehen. Und sie finden Resonanz.“ Es geht also zum einen um die Machtperspektive: Kommen wir in die Situation, unsere Vorstellungen gegen den Widerstand derer, die vom jetzigen Zustand profitieren, wirklich umzusetzen? Zum anderen geht es um die Erweiterung der Handlungsfähigkeit: Lassen sich selbstorganisierte Projekte auf dieser Ebene integrieren und unterstützen? Lösen die Vorschläge Begeisterung und Aktionsbereitschaft aus?

Bei Feministisch vergesellschaften II wurden also zum einen Konzepte der Vergesellschaftung oder kollektiver Lösungen auf verschiedensten Ebenen vorgestellt. Bei Assistenzkollektiven oder Kiezkantinen etwa geht es, sofern sie für sich stehen, nicht um die gesellschaftliche Ebene. Zudem müssen die vorgestellten Projekte in einem kapitalistischen Umfeld funktionieren und dennoch über es hinausweisen. Hier war in den meisten vom Ersteller des Beitrags miterlebten Workshops sehr positiv, dass die Widersprüche und Konflikte, die damit einhergehen, offen dargestellt und diskutiert wurden. Das Assistenzkollektiv oder die Poliklinik etwa sind auf die Refinanzierung durch Staat und Sozialversicherungen angewiesen, die nie ausreichend war und aktuell noch stärker von Streichungen bedroht ist. In einem sehr anregenden und leider wie so vieles zu kurzen Workshop Das Zuhause als gesellschaftlicher Ort: Neue Infrastrukturen zwischen Wohnung, Kiez und Gemeinwesen ging es explizit darum, den Verschränkungen von Familie, Kollektiven, Kommunalpoltik und Sozialsystem nachzugehen.

Weil Schritte der Vergesellschaftung also permanent umkämpft sind, lag ein zweiter Schwerpunkt der Workshops auf Verbindungen und Aktionen zur Gewinnung von Handlungsfähigkeit. Streiks in Care-Branchen und feministische Streiks, die diesen Rahmen überschreiten, Aktionstraining oder der solidarische Umgang miteinander waren Gegenstand solcher Workshops. Auch der vom Autor des Beitrags gemeinsam mit Liska Beulshausen (Wirtschaft ist Care) angebotene Workshop zur Entwicklung der Care-Bewegung gehört zu dieser Sorte Workshops. Praktische Konsequenz dieses Schwerpunkts war, dass viele Konferenzteilnehmer*innen gemeinsam zur Demonstration gegen Sozialabbau nach Essen fuhren, nicht als Unterbrechung, sondern als Erweiterung der Konferenz.

Im Eröffnungs- und im Abschlussplenum wurde jedoch herausgestellt, dass wir aktuell gegenüber autoritären und faschistischen Entwicklungen in der Defensive sind – im Unterschied zu Feminist Futures I 2019, als die weltweiten Ni una menos-Proteste und auch die 8.März-Demos in Deutschland ungeheuren Zulauf hatten und auch darüber hinaus, z.B. in der Klimabewegung, Aufbruchstimmung spürbar war. Entsprechend ging es in einigen Workshops in einem dritten Schwerpunkt auch darum, diese Entwicklungen besser zu verstehen. Im Abschlussplenum wurde dann explizit danach gefragt, auf welche Weise nachbarschaftliche Sorgepolitik zur antifaschistischen Praxis werden kann. Hier war die Antwort von Tashy Endres, Aktivistin bei DW&Co enteignen, sehr prägnant: Das Leben unter kapitalistischen Bedingungen ist nicht nur durch Armutsrisiko und hohe Arbeitsbelastung geprägt, sondern insbesondere auch durch Vereinzelung und die Wahrnehmung, machtlos und ausgeliefert zu sein. Gerade die letzten beiden Punkte werden von der Rechten erfolgreich aufgegriffen. Entsprechend müssten auch Linke, aber eben solidarisch und nicht ausgrenzend, Organisierung entlang von Ermächtigung und Gemeinschaftlichkeit machen, die Alltagserfahrungen aufgreifend. Dass es beides braucht – Zugehörigkeit und Wirksamkeit – , wurde mehrmals betont. Hier treffen sich dann die Vorschläge zu Sorgezentren, Stadtteilgewerkschaften, Care-Kollektiven und anderen.

In Workshops und in der Abschlussrunde ging es auch immer wieder um das Verhältnis von Selbstorganisation und Staat. In der Abschlussrunde beispielsweise wurde herausgestellt, dass es nicht egal ist, wer an der Regierung ist, dass jedoch der Druck sozialer Bewegungen die staatliche Politik mitbestimmt. Welche konkrete Politik hieraus folgt, ist in der Geschichte der Linken unendlich oft diskutiert worden und auch hier nicht gelöst worden. Zwei Aussagen seien jedoch wiedergegeben, die zugleich die Veranstaltung rahmen: Barbara Fried stellte im Eröffnungsinput fest, dass wir vor der Frage stehen, „wie wir gemeinsame Kämpfe führen können, ohne Differenzen klein zu machen.“ Und Rebecca Bailin, US-amerikanische Care-Aktivistin, meinte beim Abschlussplenum, dass es aktuell Kämpfe gebe „um die Bedingungen, überhaupt noch kämpfen zu können.“

Angesichts der existenziellen Notwendigkeit, an Handlungsfähigkeit zu gewinnen, war es wohltuend, dass die vielen offenen Fragen und Widersprüche offen benannt und, angesichts der Kürze der Workshops leider oft nur andeutungsweise, diskutiert werden konnten. Die vielen Anregungen mitzunehmen und zu nutzen, war und ist nun Sache der häufig als Gruppen angereisten Aktivist*innen. Eine Fortsetzung, ein Feminist Futures III, soll es in jedem Fall geben. Vielleicht sind wir in unseren Praxen und Diskussionen dann schon ein paar Erfahrungen reicher?

Ein Beitrag von Matthias Neumann (Regionalgruppe Berlin)

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