Care Revolution | Feminist Futures II: Feministisch vergesellschaften. Interview mit einer Organisatorin
zurück

Feminist Futures II: Feministisch vergesellschaften. Interview mit einer Organisatorin

Aktuelles – 05. Juni 2026

Die Internationale Konferenz ‚Feminist Futures II: Feministisch vergesellschaften – Her mit dem ganzen Leben!‘, vom 25. bis 27.09. in Bochum, möchte die Themen von Feminismus und Vergesellschaftung miteinander in Verbindung bringen. Dabei bezieht sie sich explizit auf das Feminist Futures Festival, das sieben Jahre zuvor, im September 2019, in Essen stattfand.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist Veranstalterin der Konferenz; das Netzwerk Care Revolution gehört zu den feministischen und care-politischen Zusammenschlüssen, die die Konferenz unterstützen. Melanie Stitz ist als Büroleiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung Nordrhein-Westfalen an der Organisation der Konferenz beteiligt. Zugleich ist sie seit langem im Netzwerk Care Revolution aktiv. Wir freuen uns über die Möglichkeit, ihr zur Idee und den Perspektiven von ‚Feministisch vergesellschaften – Her mit dem ganzen Leben!‘ ein paar Fragen zu stellen.

Danke, dass du dieses schriftliche Interview mit uns machst, Melanie! Zunächst: Was erwartet diejenigen, die zur Konferenz kommen? Wen hofft ihr dort zu sehen?

Die Konferenz soll ein Ort sein, um die vielen Praxen und Kämpfe zu reflektieren und weiterzuentwickeln, in denen wir längst schon dabei sind, unsere Lebensgrundlagen feministisch zu vergesellschaften. Nämlich überall dort, wo Menschen für die Demokratisierung aller Lebensbereiche streiten, wo sie Sorgearbeit nicht länger als privat zu lösende Aufgabe hinnehmen, sondern in unterschiedlichen Communities nach kollektiven Lösungen suchen und geschlechtliche und rassifizierte Arbeitsteilungen zurückweisen. Dort, wo sie sich gemeinsam (wieder) aneignen, was sie zum (Über-)Leben brauchen, und sich die Zeit zurückholen, die das Patriarchat kapitalistischer Prägung ihnen jeden Tag stiehlt. Dort, wo sie Sorgende Städte aufbauen oder dafür streiten, Shoppingmalls in Sorgezentren umzugestalten, wo sie Gesundheitsversorgung der Profitlogik entziehen oder subversive Fürsorge üben… Alle, die sich in solchen Projekten engagieren, an den Widersprüchen vielleicht auch manchmal verzweifeln, die das mit vordenken oder mit Analysen begleiten oder auch einfach neugierig sind, laden wir ein zur Konferenz! Wir freuen uns schon sehr auf ein Wiedersehen, genauso wie auf die vielen, die erstmals dazu kommen!

Es wird spannende Panels geben, jede Menge Workshops und selbstverständlich auch eine tolle Party! Ich empfehle einen Blick in das Programm auf unserer Website.

Die Themen des Feminismus, etwa mit der gewachsenen Beteiligung an den 8.März-Demonstrationen oder dem Aufgreifen der ni una menos-Bewegung, und der Vergesellschaftung, vor allem mit der „Deutsche Wohnen&Co enteignen“-Kampagne, gewinnen innerhalb der Linken an Bedeutung. Beides zu verbinden scheint dringend angesagt, damit die Perspektive der Vergesellschaftung sich auf die gesamte Ökonomie und die gesamte Arbeit bezieht. Wie bringt ihr als Planer*innen der Konferenz die Themen zusammen?

Wir wollen in zwei Richtungen wirken: zum einen herausarbeiten, inwiefern queer-feministische Kämpfe und Kämpfe um Vergesellschaftung zusammengehören. Wer davon redet, Gewalt gegen Frauen und Queers zu beenden, muss zwangsläufig auch über soziale und demokratische Rechte für alle, bezahlbaren Wohnraum und gute Lohnarbeit reden. Gewalt kann auch deshalb gedeihen, weil die strukturelle Verwundbarkeit aller, die Sorgearbeit leisten oder ihrer bedürfen, Tag für Tag politisch organisiert wird. Gewalt – oder die Androhung von Gewalt – zielt darauf, Frauen, Queers und Migrant*innen auf „ihren Platz“ zu verweisen: So auch in die Sorgearbeit in der Familie oder der toxischen Paar-Beziehung. Für echte Demokratie und reproduktive Gerechtigkeit müssen nicht nur die Köpfe und Herzen gewonnen werden – es braucht auch die materiellen Grundlagen dazu und das Recht, darüber gemeinschaftlich zu verfügen. Kaum trennbar miteinander verwoben sind Unterdrückung, Ausbeutung und die Enteignung all dessen, was niemandem oder allen gehören sollte.

Jetzt, da – nun auch hierzulande – der Sozialstaat geschreddert wird, basale soziale Rechte auf allen Ebenen in Frage gestellt werden und die parlamentarische Rechte erstarkt, wollen wir dazu beitragen, queer-feministische Kämpfe deutlicher noch zu (re-)politisieren.

Umgekehrt haben wir den Eindruck, dass in Debatten um Vergesellschaftung feministische Aspekte zu kurz kommen. Meist geht es nur um die Aufhebung von Privateigentum und Profitlogik. Aus feministischer Perspektive ist aber auch die Verschiebung der Sorgearbeit in die privaten Haushalte und Familien ein Problem. Dies ist ja Folge der geschlechtlichen Arbeitsteilung bzw. der Trennung der beiden Seiten gesellschaftlicher (Re-)Produktion: die Produktion der Lebensmittel und die Produktion des Lebens. Beide bedingen einander und lassen sich nur zusammen verstehen und verändern. Sonst bleibt die ganze Frage der Sorge ungelöst – sie wird ausgeblendet, mystifiziert oder zur „Privatsache“ erklärt. In den Kämpfen der IG Metall damals um die 35-Stunden-Woche haben z.B. vor allem die Frauen thematisiert, dass kürzere Lohnarbeitszeit die Voraussetzung ist – und auch sein sollte! – , um Sorgearbeit gerecht zu teilen. Weil Sorgearbeit täglich stattfindet, waren sie denn auch für kürzere Arbeitstage statt eine Vier-Tage-Woche.

Wir haben den Anspruch, diese Zusammenhänge in jedem Workshop auf der Konferenz zu thematisieren. Die Konferenz selbst ist ein Statement und versteht sich als Intervention in die aktuellen Debatten um Feminismus wie auch um Vergesellschaftung. Über den erstmal etwas sperrigen Titel zu stolpern, ist also ausdrücklich von uns erwünscht.

Das Feminist Futures Festival in Essen war 2019. Seitdem erlebten und erleben wir das Abflauen der Klimabewegung, die Normalisierung von Aufrüstung und sozialen Einschnitten, teils die Retraditionalisierung von Geschlechterrollen oder die reale Gefahr eines völkisch-autoritären Regimes mit oder ohne Beteiligung der CDU. Weshalb organisiert ihr die Konferenz gerade jetzt, was soll sie in dieser Situation bewirken oder anstoßen?

Ja, die Angriffe auf unser aller soziale Rechte, auf Frauen und Queers, auf migrantisch gelesene Menschen sind massiv – und nicht nur von Rechtsaußen. Kürzlich erst hatten wir in NRW, initiiert vom Assistenz-Kollektiv Köln, eine Veranstaltung zu den bereits umgesetzten bzw. geplanten Sozialkürzungen. Das Recht auf Teilhabe von Menschen, die Behinderungen erfahren, wird damit in Frage gestellt und die UN-Behindertenrechtskonvention unterlaufen. Fast alle Redner*innen bezogen sich auf das gleiche Bild: Der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, wird jetzt noch aus den letzten Fugen gekratzt. Und immer wieder klingt durch: „Wir können uns Menschen wie euch nicht mehr leisten“. Solche Erfahrungen machen auch Geflüchtete oder Menschen mit Anrecht auf Bürgergeld. Das stärkt die Rechten und treibt die Verrohung voran – nützlich in (Vor-)Kriegszeiten und eine Vorbereitung für den „Ernstfall“, wenn im „kriegstüchtigen“ Krankenhaus die umgekehrte Triage praktiziert werden soll: die leichtverletzten Soldaten, die rasch zurück an die Front sollen, haben dann Vorrang…

Es gibt so viele Ecken und Enden, an denen es Widerstand braucht! Zugleich gibt es so vieles, das trennt. Es kommen unterschiedliche Erfahrungen und Geschichten zusammen, wir sind auf unterschiedliche Weise verstrickt und betroffen von Ausbeutung und Unterdrückung. Dennoch und erst recht gibt es das Bedürfnis, sich gemeinsam zu organisieren. Wir glauben, dass feministisch zu vergesellschaften ein Begehren sein kann, das die vielen miteinander verbindet: eine kraftvolle Utopie, zu schön, um nicht wahr zu sein. Ein Bezugsrahmen, der Orientierung gibt für Kritik und Engagement. Ein Dach, unter dem wir gemeinsam Pläne schmieden und Verabredungen treffen, und eine Parole, an der wir einander erkennen.

Sehr viele der Themen, insbesondere im Strang ‚Sorgende Städte – Auf dem Weg in eine sozialistisch-feministische Zukunft‘ scheinen stark von der lokalen Ebene auszugehen. Ist das für euch gegenwärtig die entscheidende Ebene einer ermächtigenden feministischen Organisierung?

Das ist eine sehr gute Frage! Die treibt uns doch in allen Zusammenhängen um. Wo sind die Widersprüche und Risse, an denen wir den Hebel ansetzen können? Wer ist willens und zugleich in der Lage, in Sachen Klima noch etwas zu reißen? Bereiten wir uns nicht besser gleich auf den großen Zusammenbruch vor und üben für das solidarische Leben danach? Welche Aktion, welches Projekt entfaltet die größtmögliche Wirkung? Hoffen wir auf (Lohn-)Arbeitskämpfe, den parlamentarischen Weg oder Massenmobilisierungen auf der Straße? Schaffen wir Fakten vor Ort und setzen auf lehrreiche und mutmachende Initiativen „von unten“, werfen wir uns in die Kommunalpolitik oder initiieren wir transnationale Kampagnen?

Ich glaube und fürchte, es ist genug kapitalistisches Patriarchat für alle da. Es braucht uns alle, überall und zugleich. Ich hoffe, wir kommen in diesen strategischen Fragen ein gutes Stück weiter, schließen kraftvolle oder auch behutsame Bündnisse, bündeln Kräfte und verständigen uns über sinnvolle Arbeitsteilungen und Synergien.

Sicherlich sind fast alle Fragen, um die es auf der Konferenz gehen wird, nur im besten Sinne radikal – also grundlegend und global – zu lösen. Zugleich müssen wir uns fragen, wo wir hier und heute die Chance haben, den Hebel anzusetzen. Trotz alledem: Das ist ein Motto, das, wie ich glaube, viele von uns durch den Alltag begleitet. Gemeinsam mit anderen die Erfahrung machen, etwas zu bewegen, das ist derzeit, hierzulande und wenn überhaupt, vermutlich eher auf der lokalen Ebene der Fall. Aber hier wollen wir natürlich nicht stehen bleiben. Das Konzept der Sorgenden Städte, das die Konferenz prägen wird, versucht genau diesen BrückenschIag: von der Utopie einer solidarischen, sorgenden Gesellschaft, einer „Demokratie als fürsorgliche Praxis“, wie Joan Tronto das genannt hat, hin zu konkreten Projekten.

Dazu gab und gibt es in den letzten Jahren auch international viele mutmachende Beispiele, von denen die Konferenz maßgeblich inspiriert ist. Denn zu all den genannten Fragen soll es auf der Konferenz auch einen internationalen Austausch und gegenseitiges Lernen geben.

In New York hat vor kurzem ein sozialistischer Bürgermeister die Wahlen gewonnen – sowas ist aktuell nur auf der kommunalen Ebene möglich. Aber hier ist es eben möglich und kann für Millionen von Menschen einen spürbaren Unterschied machen: Die Stadtverwaltung um Zohran Mamdani will z.B. kostenlose Betreuung für alle Kinder bis 5 Jahre anbieten, was für die US-amerikanische Situation eine kleine Revolution wäre. Bei uns wird Rebecca Bailin von United Childcare aus New York zu Gast sein. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von „New Yorkers United for Child Care“ und leitete die Kampagne „Invest in Our New York“ – es geht um ein Milliardenbudget für öffentliche Programme. Dafür sollen die reichsten New Yorker*innen und große Unternehmen steuerlich aufkommen. Rebecca Bailin wird mit uns ihre Erfahrungen teilen, wie es gelingen konnte, diesen politischen Erfolg mit der Forderung nach besseren Sorgebedingungen zu gewinnen. Da gibt es viel zu lernen.

Außerdem zu Gast ist Vraîe Cally Balthazaar, seit Sommer letzten Jahres Bürgermeisterin von Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas. Die politische Aktivistin und Feministin setzt sich seit Jahren für die Durchsetzung der Rechte von Frauen und Kindern ein und macht sich insbesondere stark für das Recht auf Wohnen. Auch aus Mexico City werden wir Gäste haben, die uns über das Projekt der feministischen Bürgermeisterin Clara Brugada berichten – die dortigen Sorgezentren entlasten insbesondere in armen Stadtteilen diejenigen, die die meiste Sorgearbeit leisten. Und sie tragen den schönen Namen „Utopias“.  Mit Grace Blakeley und Nat Raha – beide kommen aus Großbritannien, wollen wir über Geschlechterverhältnisse im Hightech Kapitalismus und intersektionalen Feminismus diskutieren.

Argentinien ist unter dem Präsidenten Javier Milei extrem nach rechts gerückt, die Menschen leiden unter den harten Sparmaßnahmen der Regierung. Darüber sprechen wir mit der argentinischen Aktivistin Verónica Gago Sie ist feministische Theoretikerin und Teil des argentinischen Kollektivs Ni Una Menos. Auch Frauen aus Osteuropa und Afrika werden mit uns diskutieren, von erfolgreichen Kämpfen berichten und nach gemeinsamen Lösungen suchen.

Der Blick über den Tellerrand ist wichtig. Austausch und Verschwisterung sind Basis für gemeinsame Kämpfe.

Was würde für euch die Konferenz zu einem Erfolg machen und was sollen die Teilnehmer*innen bestenfalls mitnehmen?

Wir haben lange darüber diskutiert, ob der Titel der Konferenz – feministisch vergesellschaften – überhaupt ankommt. „Was, bitteschön, soll das sein?“, haben manche gefragt. Die Diskussionen darum waren dann immer sehr spannend. Wenn hinterher alle, die auf der Konferenz waren, und viele auch darüber hinaus, eine Idee davon haben, was feministisch vergesellschaften heißt, wozu es das braucht und wie sie sich einbringen können, dann war die Konferenz ein super Erfolg!

(Wie) kann unbezahlte Care-Arbeit bestreikt werden? 29. Mai 2026