Care Revolution | Rodins "Denker" und andere in Bielefeld feministisch geerdet
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Rodins "Denker" und andere in Bielefeld feministisch geerdet

Aktuelles – 08. März 2026

Die Bielefelder Care Revolution-Regionalgruppe dekorierte Denkmäler der Stadt feministisch um. "Der Denker“ und andere wurden sozusagen vom Kopf auf die Füße, auf den Boden der Tatsachen, gestellt. Hier dokumentieren wir Bilder und Redebeiträge der Aktion.

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Beitrag auf dem ersten Bielefelder Care-Spaziergang bei male/female (Bild oben)

 

Wir stehen hier vor der Bielefelder Industrie- und Handelskammer, kurz IHK.

 

Der Bezug dieses Ortes zum Thema Geschlechtergerechtigkeit liegt für uns auf der Hand – steht er doch für eine wesentliche Fraktion der lokal verfassten Ökonomie: Industrie und Handel. Und Ökonomie hat ja immer etwas mit Macht, Machtverteilung und Ressourcenverteilung zu tun. Und somit auch mit der Frage der Verteilungsgerechtigkeit, die immer auch die Frage der Geschlechtergerechtigkeit beinhaltet.

 

Als Aufhänger möchten wir uns aber erst einmal der Skulptur, die hier auf dem Vorplatz der IHK aufgestellt wurde, zuwenden:

 

Sie heißt male/female, entworfen hat sie der US-amerikanische Künstler Jonathan Borofsky und die Industrie- und Handelskammer hat sie den Menschen in Bielefeld 1999 zu ihrem 150jährigen Bestehen geschenkt. Viele Menschen in Bielefeld, insbesondere viele Frauen, waren damals allerdings nicht ganz so erfreut über dieses Geschenk: die Skulptur war umstritten.

Wie ist diese Skulptur – und ausgerechnet an diesem Ort - zu lesen? Laut IHK-Webseite soll das neun Meter hohe Werk Harmonie, Frieden und Kreativität auf ihrem Höhepunkt verdeutlichen, die aus der Verbindung männlicher und weiblicher Energie mit Grazie und Balance entstehen. Borofsky selber sagt, er wolle mit der Umkehrung der natürlichen Realität der Geburt zum Nachdenken anregen.

 

Nun, den Gefallen wollen wir ihm hier heute tun.

 

Ein großer, stilisiert männlicher Körper, dessen Oberkörper einen sehr viel kleineren, stilisiert weiblichen Körper umschließt. Das hier aufgegriffene, binäre Verständnis von Männlich/weiblich scheint mir hier doch ein eher hierarchisches zu sein - und nicht etwa das von Yin und Yang.

Für uns steht diese Skulptur an diesem Ort sinnbildlich für ein überkommenes, patriarchales, aber leider auch hegemoniales Verständnis von „Wirtschaft“. Die „große“ männliche Sphäre der Produktion umfängt die „kleine“ weibliche Sphäre der Reproduktion. Es ist die Übertragung des Bildes einer bürgerlichen Kleinfamilie auf die Volkswirtschaft. Das Modell ist zwar überlebt, einen Familienlohn gibt es de facto nicht mehr, aber das Bild mit seiner Wertigkeit hat Bestand. Der produktive „Familienernährer“ gewährt der Reproduktionsarbeiterin „Haushaltsgeld“.

 

So erscheint als die Ökonomie einer Gesellschaft hauptsächlich die marktökonomische Produktion mit ihrer Beschäftigung in Form von Lohnarbeit und ihrem Output in Form von materiellen Gütern, käuflichen Dienstleistungen und Profit. Von diesem kann – je nach Kassenlage und Gusto – der gesellschaftlichen Reproduktion „Haushaltsgeld“ für Existenzsicherung, Bildung, Erziehung und sonstige Caretätigkeiten zur Verfügung gestellt werden. Auf diesem Verständnis beharren fast alle Vertreter*innen der Wirtschaftswissenschaften, die Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände und die IHK’s.

Deswegen steht Carearbeit und ihre Bedingungen so unter Druck, deswegen wird sie oft zur Verfügungsmasse der öffentlichen Haushaltslage.

 

Dabei verhält es sich doch gerade umgekehrt: Die Reproduktion ermöglicht erst die Produktion. Sie müsste als das „Große“, das Unverzichtbar-Umschließende dargestellt werden, auf deren Fundament jede Produktion fußt. Laut Statistischem Bundesamt entfielen 2022 in Deutschland von durchschnittlich gut 45 Stunden geleisteter gesellschaftlicher Arbeit nur knapp 20 auf die Erwerbsarbeit. Aber über 25 Stunden auf unbezahlte Carearbeit. Und Oxfam stellt klar: Ein zentraler Faktor für die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ist, dass unbezahlte ... Care-Arbeit weltweit zu drei Vierteln von Frauen geleistet wird. Frauen und Mädchen arbeiten jeden Tag mindestens 12 Milliarden Stunden unbezahlt. Wenn man für diese Arbeit den Mindestlohn ansetzt, entspricht das 11 Billionen US-Dollar im Jahr – 24 Mal mehr als der Umsatz der Tech-Riesen Apple, Google und Facebook im Jahr 2018 zusammen.

Warum gelten Kindererziehung, Hausarbeit und Pflege erst dann als Teil der Ökonomie, wenn für sie Löhne gezahlt werden? Die Forderung „Lohn für Hausarbeit“ spielte in den 1970-ger Jahren mit diesen Umstand.

 

Heute arbeitet u.a. die deutsch-schweizerische Initiative „Wirtschaft ist Care“ an dieser Umkehrung der Verhältnisse vom Kopf auf die Füße. Sie fokussiert auf die  unentgeltlich geleistete gesellschaftliche Arbeit und kämpft für deren Einbeziehung in das, was als Ökonomie betrachtet wird. Ziel jeder Produktion muss eine möglichst gute und nachhaltige Reproduktion sein. Nicht Profite und möglichst hohe Umsatzzahlen! Das einzige Wachstum, das erstrebenswert ist, ist die Verbesserung der gesellschaftlichen Reproduktion, die Grundlage eines Wohlstandes, der allen zugute kommt. „Öffentlicher Luxus“ wird hierfür als Begriff vorgeschlagen.

 

Für planetare Gerechtigkeit ist für uns genau diese geschlechter- und menschen-gerechte Umkehr im Verständnis von „Wirtschaft“ notwendig. Indem IHK und andere Lobbyorganisationen der Privatwirtschaft sich gegen Regulierungen wie das Liefer-kettengesetz, für die Senkung von Kapital- und Unternehmenssteuern und für geringere Sozialleistungen stark machen und gegen jede Idee von Umverteilung wettern, blockieren sie dringend notwendigen Wandel. Aktuell ist auch wieder die Forderung nach verlängerten Arbeitszeiten zu hören, um mehr materielles oder viel mehr ökonomisches Wachstum zu generieren. Dabei benötigen wir doch sowohl für planetare Gerechtigkeit als auch für den planetaren Erhalt ganz bestimmt kein energieintensives Wachstum deutscher Industrieproduktion. Wir benötigen vielmehr deren klimaverträgliche Konversion. Ihre Umwandlung von einer konkurrenzgetriebenen, das Klima bedrohenden Import-/Exportwirtschaft zu einer suffizienzbasierten Reproduktionsökonomie.

 

 

Wir treten für diesen gesellschaftlichen Wandel ein und nennen ihn Care-Revolution! Und fordern eine Care-Ökonomie, die sich an den Bedürfnissen aller Menschen und den Notwendigkeiten auch für andere Wesen des Ökosystems Erde orientiert – statt an Profiten. {Dass diese sich dann auch noch bei eher wenigen und zumeist Männern ansammeln, setzt der Ungerechtigkeit leider immer noch die (Königs-)Krone auf. Welch fatale Folgen extremer Reichtum für Klimabilanz und jede Form der Gerechtigkeit hat, wird hoffentlich noch auf vielen  Veranstaltungen des Denken-Fühlen-Handeln-Kongresses thematisiert.} Wie schon bei unserer ersten Station an dem Kinderladen möchten wir euch weiter einladen, Gesellschaft gegen den patriarchalen und kapitalistischen Strich zu bürsten und mit uns weitere Orte aufzusuchen, an denen wir mit euch über andere Perspektiven auf das Leben und seine Organisiertheit im Hier und Jetzt nachdenken wollen.

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Der Denker vor der Bielefelder Kunsthalle

– feministisch aufbereitet

 

Laut „Kunst 101“ ist Der Denker weit mehr als eine Darstellung eines nachdenklichen Individuums. Rodin selbst beschrieb die Figur mit den Worten: „Er träumt. Langsam entwickelt sich der fruchtbare Gedanke in seinem Gehirn. Plötzlich ist er kein Träumer mehr; er ist ein Schöpfer.“ [….] Die Skulptur wurde schnell zu einem Symbol für die menschliche Vernunft, die Kreativität und die Fähigkeit, komplexe Ideen zu entwickeln.1

1https://www.kunst101.com/rodins-der-denker-mehr-als-nur-ein-mann-der-nachdenkt/

 

 

Na dann ….

 

Komplexere Ideen statt tradierter patriarchaler Standards!

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Dortmunder Bergmann lernt Prioritäten zu setzen 08. März 2026