Care Revolution | Care-Arbeit feministisch bestreiken. Ein Workshop mit dem Feministischen Streikkollektiv Zürich
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Care-Arbeit feministisch bestreiken. Ein Workshop mit dem Feministischen Streikkollektiv Zürich

Aktuelles – 14. Juli 2026

Ein Veranstaltungsbericht von Matthias Neumann

Von verschiedenen Seiten wird aktuell die Idee eines feministischen Care-Streiks vorangebracht, bei dem Menschen in Sorgebeziehungen aus ihren verschiedenen Positionen heraus – in Familien, im „Ehren“amt, als Nutzer:innen von Assistenz oder Kitas, als Care-Beschäftigte – sich weigern, den aktuellen Zustand durch ihr Mittun aufrechtzuerhalten: Die eigene Arbeit niederlegen, sie solidarisch reorganisieren, gemeinsam eine Verschnaufpause einlegen – aus der Gewissheit heraus: So geht es nicht weiter! Auch in Deutschland gibt es hier eine Vernetzung in den Kinderschuhen. Viel weiter gediehen sind die Planungen jedoch in der Schweiz. Das ist schön, denn das gibt uns die Chance, von dort zu lernen. Deshalb hat der AK Feministischer/Care-Streik im Netzwerk Care Revolution Genoss:innen vom Feministischen Streikkollektiv Zürich zu einer Online-Veranstaltung eingeladen.

Diese fand am 13. Juli 2026 statt. Wir waren dabei sehr erfreut, dass die Ankündigung des Workshops auf solches Interesse stieß. Letztlich waren es, den Geräten nach, 40 Gäst:innen, wobei hinter manchen Geräten eine Gruppe saß, die die Diskussion gemeinsam verfolgte. Auch dies war ermutigend: Wir hatten schon bei der Anmeldung viele Mails bekommen, in denen nicht einfach nur stand „wir sind neugierig“, sondern „wir sind neugierig, weil wir als Gruppe auch einen Streik planen, und wir möchten auch als Gruppe teilnehmen“.

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Das feministische Streikkollektiv (FSK) Zürich, von dem vier Referent:innen gemeinsam den Workshop durchführten, zeigte uns, welch langer Atem erforderlich ist, um einen großen Streik zu organisieren. Dabei ordneten sie ihre Bemühungen um einen Care-Streik 2027 auch historisch ein. 1991 gab es in der Schweiz einen ersten umfassenden Frauenstreik. Am 14. Juni 2019 fand dann ein erneuter feministischer Streik mit 500.000 Teilnehmer:innen statt; seitdem gibt es in der Schweiz an diesem Tag jährlich Streiks und Demonstrationen. Genauso, wie jede Aktion auf Erfahrungen und Inspirationen der Vergangenheit fußt, stecken sich Aktivist: innen über Ländergrenzen hinweg an, es entstehen globale Kampfzyklen. So ging dem Streik 2019 der riesige Frauenstreik am 8. März 2018 in Spanien voraus, diesem wiederum die in Lateinamerika beginnende Ni una menos-Bewegung seit 2015.

Das FSK Zürich ist ein FLINTA-Kollektiv, das sich als queerfeministisch, antikapitalistisch, antirassistisch und internationalistisch versteht. 2023 begannen sie mit den Überlegungen, wie ein großer Streik organisiert werden könnte, denn während die Beteiligung an den Aktionen zum 14. Juni groß war, gab es, wie sie berichteten, eher wenige Arbeitsniederlegungen. Es fanden daraufhin viele Gespräche mit anderen regionalen Streikkollektiven und Organisationen, gerade auch Gewerkschaften, statt, bis am 14. Juni 2025 das Ziel eines großen Care-Streiks am 14. Juni 2027 ausgerufen wurde. Bis zum Streiktag wird es dann also eine vierjährige Vorlaufzeit gegeben haben.

Weshalb wird der Streik aber gerade als Care-Streik geplant und ausgerufen? Am Thema der Sorgearbeit, argumentiert das FSK Zürich, kommen viele Kriterien zusammen: Sie ist, auch als unentlohnte Arbeit, bestreikbar, das Thema ist existenziell wichtig, den Alltag bestimmend und liegt vielen am Herzen, es ist feministisch und wenn sich hier etwas grundlegend verändert, steht auch die kapitalistische Produktionsweise in Frage.

Damit der Streik groß wird, sollen möglichst viele das einbringen können, was ihnen wichtig ist. Das FSK Zürich bietet auf seiner Seite allen die Möglichkeit, ihre Forderungen zu hinterlassen. Große Bemühungen gibt es jedoch auch um die Beteiligung weiterer Organisationen, die sich auch mit ihren Forderungen in den Streik einbringen. Das FSK Zürich selbst hat drei zentrale Forderungen aufgestellt: (Lohn-)Arbeitszeitverkürzung auf 25 Wochenstunden. Kostenlose Gesundheitsversorgung für alle. Vergemeinschaftung des Wohnraums. Zur Begründung, weshalb diese drei Forderungen, schreiben sie: „Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Raum: Die Forderungen des Care-Streiks 2027 setzen dort an, wo das meiste Potential zur Verbesserung unser aller Lebensumstände liegt. Und dort, wo dem ausbeuterischen Wirtschaftssystem am nachhaltigsten geschadet werden kann.“

Besonders wichtig ist, dass eine Verbindung zwischen den regionalen Streikkollektiven und den Gewerkschaften hergestellt werden kann. Denn in der Schweiz wie in Deutschland erfordert ein Streik, an dem die Beschäftigten rechtlich abgesichert teilnehmen können, einen gewerkschaftlichen Rahmen. Unter anderem muss eine tariffähige Organisation aufrufen und es müssen tariflich bzw. in einem Gesamtarbeitsvertrag regelbare Forderungen vorgebracht werden. Die Referent*innen berichteten, dass die Gewerkschaften erst zögerlich waren. Mittlerweile ist etwa die UNIA als große schweizerische Gewerkschaft jedoch an der Streikplanung beteiligt. Wenn wir in Deutschland vom DGB einmal das hören, was die UNIA in der verlinkten Quelle schreibt, hat sich viel getan: „Es ist Zeit, die feministischen Kräfte zu bündeln und sich gemeinsam Widerstand zu leisten. Auf zum feministischen Streik 2027!“

Nach dieser beeindruckenden und beeindruckend vorgetragenen Darstellung der Planung und Allianzenbildung ging es im Workshop darum, besser zu verstehen, was gerade die unentlohnte Care-Arbeit ausmacht, wie ihre gleichzeitig essentiell notwendige und vernachlässigte Stellung in der kapitalistischen Ökonomie zustande kommt, wie diese Arbeit verteilt ist und wie die ungleich verteilten Belastungen aus der ungleichen Verteilung der Care-Arbeit aussehen. Wir konnten feststellen, dass bei gewissen Unterschieden im Wesentlichen die Lage in der Schweiz und Deutschland vergleichbar ist. Zu diesen Unterschieden gehört, dass der Anteil unentlohnter Care-Arbeit in der Schweiz höher ist. Als Grund wurde insbesondere die Kinderbetreuung angegeben, die in der Schweiz aus finanziellen Gründen vielen nicht zugänglich ist. Für einen Überblick zu der Situation in Deutschland sei auf diesen Beitrag auf unserer Website verwiesen:

Dieser Teil des Workshops diente nicht nur der Informationsvermittlung. Denn um die unentlohnte Care-Arbeit sinnvoll zu bestreiken, muss zum einen verstanden werden, was wir verändern wollen, zum anderen, wie diese Arbeit bestreikt werden kann. Das FSK Zürich schlägt drei Wege vor, die bei unterschiedlichen Care-Arbeiten gegangen werden können und die nach dem Charakter der Arbeit – Aufschiebbarkeit, Kollektivierbarkeit, Verwobenheit mit persönlichen Beziehungen – unterscheidbar sind: Manche Arbeiten lassen sich zumindest am Streiktag komplett verweigern: Kochen, putzen oder emotionale Aufbauarbeit sind Beispiele. Manches lässt sich während des Streiks kollektiv reorganisieren. Eine Küche für alle oder kollektive Kinderbetreuung sind Beispiele. Manches kann für den Tag eventuell auch in professionelle Unterstützung oder in Unterstützung solidarischer Einzelner abgegeben werden. Einen Streik-Leitfaden des FSK Zürich gibt es auch. Überlegungen, wie die Reorganisation der Care-Arbeit schon im Streik begonnen werden und damit ein utopisches Moment in den Streik geholt werden kann, findet ihr auch auf unserer Seite. Als eine weitere Quelle: Die AG Feministischer Streik Kassel hat zu dem Thema ein ganzes Buch geschrieben, das auf den eigenen Erfahrungen aufbaut und unter anderem Überlegungen zu diesen Fragen beinhaltet.

Einige weitere, inspirierende Beispiele aus dem Input und der Kleingruppenarbeit: Am 14.06. diesen Jahres wurde z.B. ein Platz mit Liegestühlen besetzt: Pause von der Care-Arbeit. Eine große Quittung wurde bei der Demo mitgeführt, die ein monetäres Äquivalent der unentlohnt geleisteten Arbeit darstellt. Mit Haustürgesprächen, Praxis- und Geschäftsrundgängen können weitere Betroffene angesprochen werden. Kinder, im Rollstuhl Sitzende, Migrant:innen könnten in Stadtrundgängen zeigen, wie Gesetze und Infrastruktur ihnen Sorge, Selbstsorge oder schlicht auch unbeschwerte Zeit erschweren. Arbeiten wie Kochen, Wäsche o.ä. können öffentlich oder halböffentlich im Quartier organisiert werden.

Diese Sammlung von Ideen und die Frage, wie über den Streiktag hinaus dauerhafte Verbindungen geschaffen werden können, rundeten den Workshop ab. Es gab viel mitzunehmen; was die Teilnehmer:innen auf- und mitgenommen haben, wird sich in den Aktionen der nächsten Monate und Jahre zeigen. Einige Kontakte ergaben sich schon aus der Veranstaltung heraus. Auch auf diesem Weg nochmals ein herzlicher Dank an das FSK Zürich, das dies mit dem Workshop ermöglicht hat!

Care Revolution-Netzwerktreffen: 16.-18.10. in der Bildungsstätte Einschlingen bei Bielefeld 01. Juli 2026