Care Revolution | Care-Manifest für gute Pflege und Betreuung
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Care-Manifest für gute Pflege und Betreuung

Aktuelles – 17. Februar 2026

Schweizer Altenpfleger*innen beschreiben, was anders werden muss

Interview mit Samuel Burri (UNIA), Fragen und Einleitung: Matthias Neumann

Die schweizerische Gewerkschaft UNIA hat im Jahr 2025 ein Care-Manifest veröffentlicht, hier bestellbar. Es benennt zunächst die Probleme in der Langzeitpflege des Landes, die durch einen Teufelskreis von Unterfinanzierung, Druck auf Arbeitsbedingungen und Entlohnung und resultierendem Fachkräftemangel zunehmend in die Situation eines dramatischen Pflegenotstands gerät. Das Manifest ist von etwa 20 Beschäftigten in der Langzeitpflege geschrieben, unterstützt durch Wissenschaftler*innen der Fachhochschule Südschweiz.

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Der Text des Manifests umfasst drei Teile. Im ersten Teil werden die drohende Versorgungskrise und ihre Ursachen benannt. Obwohl gerade im Bereich der sozialen Infrastruktur die institutionellen Unterschiede groß sind und Erkenntnisse nicht ohne weiteres zwischen Staaten übertragen werden können, kommt vieles auch aus deutscher Perspektive bekannt vor. Ökonomisierung der Pflege, zu wenig Zeit für bedürfnisgerechte, unterstützende und Beziehungen aufbauende Pflege, zu wenig Mitsprache von der Einsatzplanung bis zu Maßnahmen für die gepflegten Personen, Zerlegung des Pflegeprozesses in einzelne Aufgaben usw. Deutlich wird in dem präzise wie eindringlich geschriebenen Text, wie sehr die Beschäftigten nicht allein unter der Intensivierung der Arbeit leiden. Nicht gesehen zu werden, nicht als Expert*innen gefragt zu werden, in ihrer Handlungsfähigkeit beschnitten zu werden, nicht gut sorgen zu dürfen – diese Kritik zieht sich durch das Manifest. So enthält der erste Teil den Appell: „Wir fordern lediglich: Lasst uns einfach unsere Arbeit machen! Lasst uns die Pflege in diesem Land selbst organisieren!“

Hier setzt auch der zweite Teil an, der eine Vision „guter Pflege und Betreuung für alle im Jahr 2035“ entwickelt. Die 35 definierten Schlüsselelemente thematisieren große Zusammenhänge wie den, dass die Versorgung allen „unabhängig von ihrer Wohnsituation, ihrem Alter oder ihren finanziellen Ressourcen“ zugute kommen soll oder dass „Care-Arbeit … als wichtiger Beitrag zur Gesellschaft“ angesehen werden soll. Sie werden jedoch auch ganz konkret, wenn es etwa um die Abschaffung geteilter Dienste oder eine Lohnarbeitszeitverkürzung für Care-Beschäftigte auf maximal 32 Wochenstunden geht, mit dem Ziel einer Lohnarbeitszeitverkürzung für alle auf maximal 25 Wochenstunden sowie  mindestens acht Stunden unentlohnter Care- oder ehrenamtlicher Arbeit. Auch in diesem Abschnitt betonen die Pflegekräfte immer wieder: Lasst uns unsere Motivation einbringen, gebt uns Handlungsfreiheit, respektiert und nutzt unsere Kompetenz!

Im dritten Teil geht es schließlich darum, wie diese Vision Realität werden kann. Vier Ansatzpunkte werden genannt: Zunächst eine Mobilisierung, die allen Beteiligten erlaubt, ihre Sichtweisen und Kompetenzen einzubringen. Zweitens gewerkschaftliche Organisierung und „zivilgesellschaftliche Allianzen“. Hier fällt allerdings auf, wie sehr die Entwicklung von Macht bei den Beschäftigten verortet wird, während den Allianzen u.a. das Gewinnen öffentlicher Unterstützung zugeschrieben wird. Allerdings betont das Manifest auch: Niemand soll für die Beschäftigten sprechen; sie sollen in die Lage versetzt werden, für sich zu sprechen. Der dritte Hebel: Eine bedürfnisgerechte Versorgung erfordert mehr Autonomie des Personals in der Pflegeorganisation. Schließlich setzt, so die Autor*innen, eine bessere Pflege bessere Arbeitsbedingungen voraus: Kürzere Arbeitszeiten, höhere Löhne, Beendigung prekärer Beschäftigungsverhältnisse.

Anfang Februar organisierte Economiefeministe ein Seminar, in dem das Manifest vorgestellt wurde und zwischen Gewerkschafter*innen, Wissenschaftler*innen und Aktiven aus der feministischen Bewegung diskutiert wurde, wie von der Analyse der Situation in der Langzeitpflege ausgehend gemeinsame Handlungsfähigkeit gewonnen werden kann. Hier bestärkte sich der Eindruck aus der Lektüre des Manifests: Auch im eher trockenen Rahmen eines Online-Seminars waren Elan und Wut, mit denen die Autor*innen Sichtbarkeit, Handlungsfähigkeit und Autonomie für sich in Anspruch nehmen, spürbar. Zweitens war die im Manifest geäußerte Care-Haltung ebenso spürbar: Die  Empathie nicht nur gegenüber Kolleg*innen in der gleichen Lage, sondern auch gegenüber den gepflegten Personen, die aktuell nicht ihren Bedürfnissen gemäß betreut werden können, war hörbar. Drittens fiel auf: Pflegende Angehörige wurden, anders als Beschäftigte, nicht als Subjekte der Pflegearbeit, eigenständige Subjekte der Veränderung und Expert*innen ihrer Situation adressiert. Dies war auch Thema in der Diskussion: Es ist einerseits ein ganz wichtiger Schritt, deutlich einzufordern, als Beschäftigte als Subjekte der Reorganisation der Pflege anerkannt zu werden. Hiermit ist jedoch der zweite Schritt nicht automatisch getan, den An- und Zugehörigen gerade in der häuslichen Pflege ebenfalls eine solche aktive Rolle zuzubilligen. Viertens ging es um die Bündnisperspektive. Hier war zum einen klar: Nicht die Gewerkschaften rufen einfach zu Aktionen auf, sondern es ist ein Prozess der Organisierung der Belegschaften erforderlich, und auch ein Prozess, in dem ein Bündnis zusammenwächst, in dem alle Beteiligten ihre je eigenen Perspektiven einbringen. Dabei war auch der feministische Streik am 14. Juni 2027 ein geteilter Fluchtpunkt. Hierbei betonten dann Teilnehmer*innen aus allen Perspektiven: Wir brauchen uns alle als Beitragende und Mitstreikende!

Wir freuen uns über die Gelegenheit, Samuel Burri, Branchenverantwortlicher der UNIA, Mitherausgeber des Care-Manifests und Referent beim Seminar von Economiefeministe, Fragen zum Manifest zu stellen:

Samuel, du bist Mitherausgeber des Manifests. Hinter dem Text ist ungeheuer viel Wut zu spüren,  aber auch Erleichterung, dass laut gesagt wird, wass gesagt werden muss. Was ist aus Deiner Sicht für Pflegebeschäftigte die größte Belastung und wie trägt diese zum Fachkräftemangel bei?

Was wir erleben bei unseren Mitgliedern ist eine grosse Verzweiflung: Sie versuchen, jeden Tag mit zu wenig Kolleg:innen für ihre Bewohner:innen da zu sein, ihnen eine professionelle und menschenwürdige Pflege zukommen zu lassen. Trotzdem gehen sie nach der Schicht mit dem Gefühl nach Hause, den Pflegebedürftigen nicht gerecht geworden zu sein. Nebst den herausfordernden Arbeitszeiten und dem konstanten Stress aufgrund des Personalmangels treibt das viele der Pflegenden zur Aufgabe ihres Berufes.

In der Diskussion hast du betont, dass der Pflegenotstand alle trifft oder treffen wird. Wie sehr ist das in der Schweiz Thema, und spürt ihr Lust anderer Organisationen, mit euch gemeinsam aktiv zu werden?

Ja und nein. Politik und Behörden ignorieren die sich anbahnende Versorgungskrise. Trotz Mahnrufen seitens der Pflegenden, der Wissenschaft und auch der Institutionen selbst. Eine Veränderung gibt es aber bei den Rentner:innen und zukünftig direkt Betroffenen. Wir merken, dass viele ältere Menschen sich beginnen zu engagieren, dies auch, weil sie als pflegende und betreuende Angehörige – sei es für ihre hochaltrigen Eltern oder auch für ihre Lebenspartner:innen – sehen, wie dysfunktional die Langzeitversorgung in der Schweiz ist.

In Deutschland werden 86% aller Pflegebedürftigen zu Hause betreut, mehrheitlich ohne dass ambulante Pflegekräfte einbezogen sind. Die Überforderung der pflegenden Angehörigen ist ebenso Quelle des Pflegenotstands wie diejenige der Pflege-Beschäftigten. Wie sind die Verhältnisse in der Schweiz und gibt es Verbindungen zwischen Gewerkschaften und Organisationen unentlohnt Pflegender?

Je größer die Versorgungslücke bei professioneller Pflege und Betreuung, desto mehr engagieren sich Angehörige bis über ihre Kapazitätsgrenzen hinaus. Das ist menschlich und gesellschaftlich eine Katastrophe. Mittlerweile wurde in der Schweiz das Thema ‚pflegende Angehörige‘ auch zu einem Geschäftsmodell, was die Debatte über ihre Situation dominiert. Gewinnorientierte Unternehmen stellen pflegende Angehörige an und verrechnen deren Leistungen den Krankenkassen, ohne eine adäquate Betreuung der Angehörigen sicherzustellen. Dies hat zur Folge, dass die Mehrkosten zuvorderst im politischen Diskurs stehen und nicht die Belastung der Angehörigen. Leider sind die Verbindungen und die Zusammenarbeit noch nicht so tief, wie sie sein könnten. Wir sind überzeugt – wenn wir die Care-Krise aktiv angehen wollen, braucht es eine breite und multiperspektivische Allianzen.

Im Manifest und im Seminar wurde deutlich: Care ins Zentrum zu stellen heißt auch, über die Finanzierung zu reden. Woher soll das Geld für eure Vision einer guten Pflege kommen?

Wir setzen uns dafür ein, dass wir als solidarische Gesellschaft eine gute Finanzierung über die öffentliche Hand sicherstellen, also über Steuergelder. Nur das garantiert eine gerechte gesellschaftliche Verteilung und ermöglicht die Sicherstellung einer zugänglichen und qualitativ hochstehenden Pflege und Betreuung.

Was spricht dafür, dass eine Bewegung für gute Pflege und Betreuung erfolgreich sein kann? Was können wir zusammen tun?

Viele Menschen leben länger, das ist eine schöne Nachricht. Dadurch steigt aber auch der Bedarf an Alltagsunterstützung, Betreuung und Pflege. Die politischen Entscheidungsträger:innen haben diese Entwicklung verschlafen oder ignoriert. Gleichzeitig steigt aber die Anzahl Betroffener, als Pflegeempfänger:innen,als Angehörige oder als Care-Arbeiter:innen. Alle sitzen im selben Boot, wir müssen die verschiedenen Realitäten zusammenbringen und Betroffene zu Beteiligten in einer breiten Bewegung für gute Pflege und Betreuung machen. Wir müssen breite Allianzen aufbauen. Gelingt uns dies, können wir Care-Arbeit, ob bezahlt oder unbezahlt, in die Mitte von gesellschaftlichem Handeln rücken.

Herzlichen Dank!

Über Sorge und Sorgearbeit sprechen. Erfahrungen aus dem Netzwerk Care Revolution 14. Februar 2026