Care Revolution | Über Sorge und Sorgearbeit sprechen. Erfahrungen aus dem Netzwerk Care Revolution
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Über Sorge und Sorgearbeit sprechen. Erfahrungen aus dem Netzwerk Care Revolution

Aktuelles – 14. Februar 2026

Ein Beitrag von Matthias Neumann

Der Text ist die überarbeitete Version eines Workshop-Inputs, den Matthias beim Care Revolution-Jubiläum im Oktober 2024 gegeben hat. Auch seitdem gibt es immer wieder Austausche über unsere zentralen Begriffe. In der Vermutung, dass Care-Aktivist*innen in anderen Zusammenhängen ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wird der Beitrag auf die Website gestellt. Wir freuen uns über Feedback.

Über Sorge sprechen – kein distanzierter Gedankenaustausch

Seit Bestehen des Netzwerks Care Revolution gibt es Diskussionen über die Verwendung der Begriffe „Sorge“ und „Sorgearbeit“. Es hat sich in vielen Gesprächen, Debatten und schriftlichen Beiträgen gezeigt, dass wir zwar Sorge und Sorgearbeit als gemeinsamen Bezugspunkt haben, jedoch teils sehr Unterschiedliches damit meinen und verbinden. Da wir uns im Netzwerk mit dem Ziel politischer Veränderung engagieren, ist das keine akademische Debatte, sondern es geht um die Bestimmung dessen, was im Kern der gemeinsamen Anstrengung steht.

Weil die Entscheidung, im Care-Bereich politisch aktiv zu werden, viel mit persönlichen Erfahrungen zu tun hat, ist die Begriffsverwendung darüber hinaus nicht nur eine Frage der distanzierten Abwägung von Argumenten, sondern sie ist emotional besetzt. Denn ob einem zugeschrieben oder abgesprochen wird, sorgend tätig zu sein, ob man als aktiv, als passiv oder gar nicht beschrieben wird, ob die eigene sorgende Tätigkeit als Arbeit bezeichnet wird, ob die eigene Erfahrung sich in einem Sorgekonzept wiederfindet, das andere verwenden – das alles berührt auch persönlich. Das kann kaum anders sein, denn Sorgebeziehungen selbst berühren in vielerlei Hinsicht. Dass die Verwendung von Sorgebegriffen ein emotionales Thema ist, ist kein Nachteil. Denn Empörung, Enttäuschung, Sehnsucht lassen uns nicht nur um Begriffe streiten, sie treiben auch unser Handeln an.

Damit eine solche Auseinandersetzung um Begriffe nicht destruktiv wird, ist es wichtig, dass wir unsere Motivationen kennen und verstehen, welche Erfahrungen unterschiedliche Begriffe nahelegen. Oder in aller Kürze: Eine Debatte um Sorgebegriffe, die ausschließlich „rational“ sein will, ist irrational. Es lohnt sich auf jeden Fall auch, besser zu verstehen, was Menschen bewegt, die ganz anders von Sorge sprechen wollen als (jeweils) ich das tue. Denn um gemeinsam handeln zu können, ist es nicht sehr spannend, überzeugt zu sein: „XY sagt etwas, was ich anders sehe.“ Wichtiger ist, besser zu verstehen, was XY so wichtig ist bei dem, was sie* sagt. Im Anschluss bringe ich nach einem Rahmen, der das Thema umreißt, ein paar Beispiele für Probleme und Streitpunkte, die im Netzwerk Care Revolution beim Sprechen über Sorge entstanden sind.

Sorge und Sorgearbeit sind im Netzwerk Care Revolution Kernbegriffe, bei aller Unterschiedlichkeit im Detail. Die Begriffe geben vielem Relevanz, was reine Privatsache ohne gesellschaftliche Bedeutung schien, wie Hausarbeit, Selbstsorge oder affektive Arbeit. Sorge und Sorgearbeit stehen im Zentrum einer gesellschaftlichen Alternative, die die Beziehungen zwischen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Indem gerade das Tun von Menschen, die mit ihrer notwendigen Arbeit und als Subjekte der Zukunftsgestaltung und Veränderung ausgeblendet wurden, ins Licht geholt wird, soll der Bezug auf Sorge auch Grundlage für Verbindungen von Menschen in Sorgebeziehungen auf Augenhöhe sein, z.B. im Fall von auf Pflege Angewiesenen, Pflegepersonal und pflegenden Angehörigen. Dieses Zusammenkommen, „verbindende Care-Politik“, ist ebenfalls für das Care Revolution-Konzept unverzichtbar.

In den letzten Jahren wird das Konzept der Sorge zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen bzw. der Sorge für letztere und für die alles tragenden ökologischen Netze auch im Netzwerk verstärkt diskutiert. Auch das hat wieder mit Verbindungen zu tun, die als Suche in verschiedenen Bewegungen wahrnehmbar sind. Dies ist an Slogans wie „Leben statt Profit“ oder „Revolution für das Leben“ ablesbar. Die Parolen zeigen: In großen Teilen der sozialen Bewegungen ist das Konzept der sorgenden Zugewandtheit ähnlich wie Solidarität, inkludierendes Verhalten oder positiver Bezug auf Vielfalt Teil des gemeinsamen Fundaments.

Je unterschiedlicher und je umfassender jedoch die Begriffe „Sorge“ und „Sorgearbeit“ verwendet werden, desto mehr droht ihr Gehalt verloren zu gehen; eine Quelle von Missverständnissen und eventuell auch von Ärger, wenn Begriffe nicht so wie gemeint verstanden werden, wenn A das ausklammert, was B aus ihren* Erfahrungen heraus wichtig ist, und damit auch B selbst zu ignorieren scheint. Präzision birgt die Gefahr der Ausblendung, Erweiterung birgt die Gefahr der Beliebigkeit.

Diese Vorrede war sehr allgemein, soll jedoch das Gemeinsame der folgenden Beispiele zeigen. Denn es entstehen sehr konkrete Konflikte, mit denen für eine gemeinsame politische Praxis umgegangen werden muss, ob sie nun aus Missverständnissen oder aus unterschiedlichem Verständnis kommen.

Ein paar Beispiele

1) Es wird häufig umstandslos von Sorgegebenden und Sorgenehmenden – care giver und care taker – gesprochen. 2015, bei einem der ersten Netzwerktreffen, hatten wir parallele Gruppen eingerichtet, in denen sich Menschen in verschiedenen Care-Positionen mit „ihrem“ Feld beschäftigten: Kinder, Gesundheit usw. In einer Arbeitsgruppe ging es um Assistenz. Hier forderten auf persönliche Assistenz Angewiesene ein, nicht mehr von „Sorge geben und nehmen“ zu reden. Ihre Begründung: Diese Wortwahl sortiert die an der Care-Beziehung Beteiligten in Aktive und Passive, letztlich auch in Subjekte und Objekte. In der Folge ist nicht mehr sichtbar, dass alle an der Beziehung Beteiligten zum Gelingen oder Misslingen der Sorgebeziehung beitragen. Die aktive und gestaltende Rolle aller zu benennen, stellt nicht in Abrede, dass eine Sorgebeziehung sehr häufig asymmetrisch ist, dass also die einen wesentlich mehr auf ihr Gelingen angewiesen sind als die anderen. Ebenso kommen in dieser Beziehung Menschen mit unterschiedlichen (Handlungs-)Fähigkeiten zusammen. Trotz der Asymmetrie ist jedoch im Blick zu behalten, dass alle beitragen. Das Prinzip gilt nicht nur in der Assistenz: Bei der Hausärztin bin ich ebenfalls in einer asymmetrischen Situation. Doch auch ich trage bei: Ich berichte über Beschwerden, setze den ärztlichen Rat um oder eben nicht usw. Das macht einen Rahmen, in dem alle Beteiligten zur Mitgestaltung ermutigt werden, bereits aus bloßer Versorgungsperspektive so wichtig. Ein anderes Beispiel für Eltern unter den Lesenden: Fändet ihr eure Kinder als ‚care taker‘ in eurer Beziehung treffend und analytisch hilfreich beschrieben? In jedem Fall hat diese Intervention von Assistenz Erhaltenden dazu geführt, dass wir im Netzwerk Care Revolution eher von Menschen in Sorgebeziehungen als vom Geben und Nehmen von Sorge sprechen.

2) In Grundlagenreferaten steige ich regelmäßig damit ein, dass ich beschreibe, was Sorgearbeit ist, bevor es um entlohnt/unentlohnt, das Ausmaß oder die Frage, wer diese Arbeit tut, geht. Damit mache ich es mir leicht. Denn darzustellen, was Sorge ist, wäre viel schwieriger – Tätigkeit, Haltung, Ergebnis, …? Das geht, glaube ich, auch anderen so. Denn sehr oft wird so getan, als ob selbstverständlich sei, was mit Sorge gemeint ist, oder es wird von Sorge geredet und Sorgearbeit beschrieben. Schon Sorgearbeit ist nicht ohne weiteres abgrenzbar, auch wenn sich Tätigkeiten definieren und aufzählen lassen, etwa so: Förderung und Wiederherstellung körperlicher, seelischer, geistiger Fähigkeiten konkreter einzelner Menschen, also Heilen, Trösten, Versorgen, Pflegen, Beraten usw. (vgl. z.B. Winker 2015: 17) Daneben gibt es jedoch Sorge als Haltung, die auch in die Arbeitsgestaltung eingeht. Dies beinhaltet eine aufs Wohlergehen des Gegenübers in der Sorgebeziehung gerichtete, zugewandte Haltung. Diese ist jedoch überhaupt nicht identisch mit der oben genannten Abgrenzung von Care-Arbeit. Denn Sorge, so definiert, kann es in vielen Situationen geben, ohne dass diese sinnvoll als Sorgearbeit beschreibbar wären. Umgekehrt berichten überarbeitete Sorgearbeitende, z.B. pflegende Angehörige oder Kita-Beschäftigte, wie ihre Überlastung die aufmerksame Zugewandtheit, die der Sorge zugrunde liegt, beeinträchtigt, eine ganz zentrale Quelle von Leid für Care-Arbeitende unter den gegenwärtigen Bedingungen – und einer der Gründe, genau zu sprechen. Tun wir das nicht, gehen uns auch wichtige Widersprüche unter. Etwa: Wenn Sorge ins Zentrum einer Gesellschaft soll, heißt das längst nicht, dass Sorgearbeit wichtiger als alle andere Arbeit ist oder dass alles, was besonders wichtig ist, Sorgearbeit ist. Deshalb ist es auch problematisch, Sorgearbeitenden im Sinn von Menschen, die beruflich oder unentlohnt in hohem Umfang Care-Arbeit leisten, besondere Eigenschaften zuzuschreiben. Doch auch ohne solche Zuschreibung gilt: Sie sind Menschen in besonderen, fordernden, häufig überfordernden Situationen. Ihre Arbeits(kampf)bedingungen, alltäglichen Widersprüche, Bedrückungen liegen nicht einfach auf der Hand, weil wir ja alle Sorgearbeit leisten. Zuhören ist unersetzlich.

3) Im Arbeitskreis Care/Klima/Revolution, den es im Netzwerk Care Revolution von 2022 bis 2024 gab, haben wir intensiv, kontrovers und auch emotional darüber gestritten, ob es sinnvoll ist, das Konzept der Sorge auf Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen zu erweitern. Mein Eindruck – als jemand, der sich für eine bestenfalls vorsichtige Erweiterung des Konzepts der Sorge ausspricht – war: Die jeweilige Empörung kam daher, dass Zentrales für das eigene Sorgeverständnis von den anders Argumentierenden ausgeblendet wurde. Dabei teilten wir vieles: Etwa die entscheidende Bedeutung, die Beziehungen in gesellschaftlichen Prozessen wie in ökologischen Systemen gegeben wird. Gemeinsam wurde auch das soziale und ökologische Beziehungen Zerstörende der kapitalistischen Produktionsweise wahrgenommen. Ebenso waren wir einig, dass eine gesellschaftliche Alternative das Gedeihen von Leben in Beziehungen unterstützen soll, gegen den instrumentellen Umgang mit Menschen und nach Möglichkeit auch gegen rücksichtslose Instrumentalisierung nicht-menschlicher Lebewesen. Die Differenz war jedoch: Gegner*innen der Erweiterung fürchten, dass dabei das Element der wohlwollenden, bedürfnisorientierten Zugewandtheit aus dem Konzept der Sorge zu verschwinden droht. Denn das Torfmoos, der Apfelbaum und auch die Kuh interessieren sich sicher nicht für das Wohlergehen von Menschen. Deshalb betont diese Position: Nicht jede Reproduktionsbeziehung ist zugleich eine Sorgebeziehung. Das macht sie jedoch kein Stück weniger wichtig. Dagegen steht die Sichtweise: Mit dem Begriff der Sorge wurden ausgeblendete, abgewertete Tätigkeiten und Beziehungen ins Zentrum von Gesellschaftsanalysen geholt. Diese Ausblendung und Abwertung wiederholt sich gegenüber den lebensnotwendigen Beziehungen von Lebewesen in Stoffkreisläufen, wenn diese wechselseitige Angewiesenheit nicht ebenso als Sorge gefasst wird. Es gibt also analytisch und emotional wichtige Anliegen, die die andere Seite mit ihrem Sorgebegriff auszublenden scheint. Um diese vermutete Ausblendung ging der Streit; deshalb war/ist es so wichtig zu spiegeln, dass die Sicht der je anderen Seite zumindest verstanden und ernst genommen wird.

Im Arbeitskreis fragten wir uns auch, ob sich zumindest ohne weiteres von Sorge für die Natur sprechen lässt. Denn der strukturellen Sorglosigkeit des Kapitalismus gegenüber unentlohnter Arbeit und Natur im Sinn der interessierten Ausblendung des Reproduktionsnotwendigen wird gerne dies entgegengesetzt: Wir sorgen für die Natur, für Lebensnetze, wie wir für andere Menschen sorgen. Das soll das Grundsätzliche, Bewegungen Verbindende einer sich kümmernden, bewahrenden Haltung ausdrücken. Gleichzeitig wird auf diese Weise jedoch die Trennung in Subjekte und Objekte der Sorge bestärkt. Die Kritik daran war entspricht dem ersten hier vorgebrachten Beispiel. Denn „Sorge für die Natur“ beinhaltet ebenfalls eine Objektivierung: wohlwollendes Management statt Zurücknehmen des menschlichen Einflusses.

4) Ein ganz entscheidender Punkt bei der Gründung des Netzwerks Care Revolution war, das Gemeinsame der Arbeit in Care-Einrichtungen, im Ehrenamt und in der Haus- und Familienarbeit herauszustellen: Übersehen oder abgewertet, beziehungsorientiert, mit zu wenig Zeit und Ressourcen ausgestattet, geschlechterungleich verteilt, sie „könnte viel schöner sein, wenn nicht…“. Dabei werden die Unterschiede in den Arbeitsbedingungen und Bedingungen der Konfliktführung allzu leicht übersehen; hiergegen protestierten auch Care-Beschäftigte. Aus ihrer Sicht beinhaltet eine solche Gleichsetzung auch: Sie kämpfen jahrelang darum, dass ihre Arbeit endlich als qualifizierte Facharbeit wahrgenommen wird, und dann schmeißen Care-Aktivist*innen sie mit Hausarbeit in eins. Ein Argument, das wiederum Hausarbeit abzuwerten droht als etwas, das nicht erlernt werden muss, nicht herausfordernd ist, keine „richtige Arbeit wie die im Beruf“. Es geschieht also allzu leicht, dass ein Einfordern, mit der eigenen Arbeit anerkannt zu werden, zur Abwertung der Arbeit der „Gegenseite“ führt – ungewollt und in beide Richtungen. Über der notwendigen Betonung des Gemeinsamen der Sorgearbeiten dürfen wir daher nicht die Unterschiede der konkreten Arbeiten, Konflikte und Kräfteverhältnisse vergessen, ebenso, dass wir die Situation der jeweils anderen nur durch Zuhören wenigstens zu einem Teil nachvollziehen können.

5) Nicht nur im Netzwerk, sondern auch in der Care-Bewegung insgesamt ist die Frage bedeutsam, wie wir Sorgearbeit bewerten und welche Forderungen wir aus dieser Bewertung heraus für ihre Umverteilung stellen: Ist Sorgearbeit, besonders wenn sie, weil ungleich verteilt, überhand nimmt, eine Quelle der Belastung und des Ausschlusses von anderen Bereichen – politisches Handeln, andere Arbeitsfelder, Zeit für sich ohne Aufgaben, vielfältigere Beziehungen – , die zur eigenen Entfaltung, zum Wohlbefinden und im Kapitalismus auch zur Absicherung wichtig sind? Oder ist sie als Arbeit, als Beziehung, so wertvoll, dass es weniger um ihre gleiche Verteilung geht und mehr darum, Bedingungen zu schaffen, die Sorgebeziehungen unterstützen und Sorgearbeitende entlasten? Aus beiden Antworten auf diese Frage heraus lässt sich die Forderung nach einer bedarfsgerechten, allen zugänglichen, demokratisch organisierten Care-Infrastruktur begründen. Sehr unterschiedlich ist jedoch, wie dringlich die Notwendigkeit, Sorgearbeit gleichzuverteilen, gesehen und wie sie begründet wird: Eine Last auf alle Schultern verteilen oder eine Quelle der Bedürfnisbefriedigung allen zugänglich machen? Oder kann beides zugleich gelten?

Vielleicht ein Fazit

Diese Aufzählung von Beispielen bleibt ohne richtiges, rundes Ende. Denn zumindest ich weiß nach wie vor nicht, wie das richtige Sprechen über Sorge und Sorgearbeit geht. Eventuell ist das jedoch auch wenig schlimm, denn aus den Beispielen lässt sich, so glaube ich, doch mitnehmen: Versuchen, möglichst genau zu sprechen und zu schreiben. Anderen zuhören und ihre Positionen zu verstehen versuchen. Auf die Erfahrungen und Emotionen hinter den Sätzen hören. Lieber dreimal mehr nachfragen, um eine Situation zu verstehen, in der man selbst nicht ist. Und schließlich: Einander in der gemeinsamen Care- und politischen Praxis zu erleben, ist genauso lehrreich wie das Reden.

Die Pflegegenossenschaft Maitelan 10. Februar 2026