Care Revolution | Kiezversammlung von 'Sorge ins Parkcenter' - ein lebendiger Prozess der Organisierung
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Kiezversammlung von 'Sorge ins Parkcenter' - ein lebendiger Prozess der Organisierung

Aktuelles – 01. Februar 2026

Am 29.01. lud die Initiative Sorge ins Parkcenter zu einer offenen Kiezversammlung ein. Die Initiative bemüht sich um die Umwandlung eines weitgehend leerstehenden Einkaufszentrums im Südosten Berlins in ein Sorgezentrum und lässt sich dabei von Projekten Sorgender Städte in Spanien und Lateinamerika inspirieren. Um den Beitrag nicht zu überfrachten, sei Interessierten die bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung erschienene Broschüre ans Herz gelegt, in der mehr über den politischen Ansatz der Initiative und auch über ihre Pläne für das ParkCenter zu erfahren ist:

Aus der Ankündigung:

Fühlst du dich im Alltag oft überlastet und mit vielen Dingen allein? 
Der Supermarkt um die Ecke ist weg, das Kino schließt, Jugendclubs stehen unter Druck – gleichzeitig stehen im ParkCenter Räume leer.
Vieles, was früher selbstverständlich war, ist es heute nicht mehr.
 Besorgungen, Treffen und Unterstützung müssen häufiger einzeln organisiert werden. Viele haben dafür gerade wenig Kopf und ziehen sich eher zurück. 
Manche fühlen sich dabei auch einsam.
Mit dieser Kiezversammlung wollen wir einen Raum schaffen,
um darüber ins Gespräch zu kommen, wie der Alltag hier gut funktionieren kann – ohne dass alles an Einzelnen hängen bleibt.
Es geht um ganz konkrete Fragen:

  • Welche Orte und Angebote sind für viele im Kiez wichtig und sollten erhalten bleiben? (zum Beispiel Supermarkt, Kino, Jugendclubs)

  • Wie kann das Miteinander im Alltag besser organisiert werden,
etwa durch Nachbarschaftshilfe oder geteilte Nutzung von Räumen?

  • Und wie können leerstehende Flächen im Park Center sinnvoll genutzt werden, so wie es einzelne Initiativen bereits vormachen?

Dazu laden wir Nachbar*innen, Initiativen, soziale Einrichtungen
 und alle Interessierten zu einer offenen Kiezversammlung ein. 
Gemeinsam wollen wir darüber sprechen, was uns im Alltag beschäftigt
 und welche nächsten Schritte realistisch und machbar sind.
Du kannst zuhören oder mitreden.
Du kannst allein kommen oder mit anderen.
Es gibt keine Verpflichtung.

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Dieser Einladung folgten sicherlich 60 Menschen aus dem Einzugsgebiet des Einkaufszentrums. Es wären noch deutlich mehr gewesen, wenn die spiegelglatten Eisflächen auf den Zugangswegen nicht insbesondere ältere und unsicher gehende Menschen an der Teilnahme gehindert hätten. Gleich zu Beginn berichteten Teilnehmer*innen von älteren Nachbar*innen, die so ausgeschlossen waren. Das weist direkt auf zwei wichtige Aspekte von Sorge im Kiez hin. Der erste: Bei der sorgenden Stadt oder dem sorgenden Kiez geht es nicht nur um Pflege, Kinderbetreuung oder Arztpraxen. Ob alle wichtigen Orte auch ohne Auto gut erreichbar sind, ob Straßen und Parks Angst- oder Wohlfühlräume sind, ob ich auch ohne Geld für Kaffee einen Platz zum Sitzen finde und eben auch, ob die Stadt es schafft, im Winter für geräumte oder gut gestreute Wege zu sorgen – das alles hat mit Sorge zu tun. Der zweite Aspekt: Wenn Menschen in ihrer Beteiligung eingeschränkt sind oder werden, kann eine zugewandte Gemeinschaft diese Benachteiligungen abbauen: Hier interessierten sich Nachbar*innen füreinander und brachten die Themen derer, die nicht dabei sein konnten, ein. Kleine alltagssolidarische Handlungen wirken auf diese Weise Ausschlüssen entgegen. Das ersetzt keinen institutionellen Rahmen, der allen Menschen Teilhabe erlaubt. Es zeigt jedoch, dass ein solidarisches Miteinander selbst ein ungeheuer wichtiges Element der Sorgenden Stadt ist.

Genau dies hatten auch die Organisator*innen der Kiezversammlung auch im Blick, was die immerhin drei Stunden ausgesprochen kurzweilig machte. Die Konzeption war, im Wechsel von Kleingruppen und Plenum Handlungsnotwendigkeiten zu identifizieren und dann gemeinsam in die Aktion zu kommen. Die Organisator*innen von Sorge ins Parkcenter, unterstützt von KIEZconnect e.V., gestalteten die Kiezversammlung in mehreren Schritten:

Nach einer Einführung ins Programm sortierten sich die Anwesenden im großen Raum nach ihren Wohngegenden von West nach Ost. Das war keineswegs ein beliebiges Vorgehen, sondern bereitete die nächste Runde vor: In der gleichen Gegend Wohnende taten sich in kleinen Runden von drei oder vier Menschen zusammen und besprachen, warum sie hier sind und was sie sich für ihr Wohngebiet wünschen, was ihnen dort fehlt. Die Spannbreite der Antworten war groß; die Moderator*innen hatten zu Beginn auch dazu eingeladen, alles zu teilen: „Jeder Beitrag ist wichtig.“ Die Spannweite der Antworten war riesig; häufig erwähnt wurde beispielsweise: Wunsch nach mehr aktiver Nachbarschaft und Zugewandtheit – kürzere Wege zum ÖPNV – Sicherung der ambulanten ärztlichen Versorgung – fußläufig erreichbare Bargeldautomaten – Schutz von Fußgänger*innen und Radfahrer*innen vor dem zunehmenden Autoverkehr – Treffpunkte, die für Eltern und Kinder kostenlos sind – beleuchtete Wege im Park, Umgang mit der Verdrängung von Dealern aus Kreuzberg nach Treptow – Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf – ein Jugendzentrum – Schutz vor Gentrifizierung und Verdrängung von Mieter*innen – ein Treffpunkt für pflegende Angehörige… Diese Liste ist völlig unvollständig, es gibt viele Probleme.

Es wurde jedoch auch deutlich, wie viele Initiativen es bereits nebeneinander gibt: Eine Gruppe setzt sich für ein kommunales Kino ein, eine andere wehrt sich gegen den zunehmenden Autoverkehr. Eine Frau bietet in ihrer Wohnung Kochkurse für Jugendliche an und würde dies gerne in einem öffentlicheren Raum tun können. Im ParkCenter gibt es bereits eine Beratungsstelle als Zwischennutzung. Hier wünschten sich Kleingruppen, dass die Nutzung leerstehender Räume im Zentrum ausgeweitet wird, dass sie über Vergabe und Nutzung entsprechend den Bedarfen der Anwohner*innen mitentscheiden können, dass die Nutzung dauerhaft garantiert ist, nicht nur als Zwischennutzung, bis sich ein zahlungskräftigeres Unternehmen findet.

Diese zweite Runde spiegelte auch den Weg wider, den die Initiative Sorge ins Parkcenter gegangen ist: Sie startete mit Gesprächen mit Anwohner*innen im Einzugsbereich des ParkCenters, um Bedarfe zu erfahren und eine Basis zu haben, kommunalpolitisch für ein Sorgezentrum im ParkCenter intervenieren zu können. Seitdem schafft die Initiative verstärkt Räume des Austauschs, mit einem mobilen Kiosk, einem „Kümmer-Mobil“ im Treptower Park oder mit einer monatlichen KÜche Für Alle. Der Prozess geht – so die Wahrnehmung des von außen und aus der Entfernung die spannende Entwicklung verfolgenden Beitragsschreibers – dahin, Selbstorganisation der im Kiez Lebenden zu unterstützen, aus der Erfahrung heraus: Verbesserungen lassen sich nicht einfach staatlichen Stellen nahelegen, sie müssen, sofern sie nicht sehr kleinteilig sind, durchgesetzt werden. Das gilt erst recht dort, wo es um Entprivatisierung und gemeinsame Verwaltung von Einrichtungen geht. Zudem wurde ein ParkCenter mit Care-Angeboten und nicht-kommerziellen Treffpunkten von vielen als wichtig erwähnt. Jedoch ist ebenso wichtig, was im Wohnblock und im Häuserblock passiert. Je kleinräumiger, desto wichtiger wird die Selbstorganisation von Solidarität und Sorge füreinander.

In der dritten Runde ging es genau um diese Organisierung: Das Moderationsteam clusterte die Nennungen aus den Kleingruppen; es bildeten sich den Clustern entsprechend vier Runden, die sich die Frage stellten: Wie bekommen wir das, was uns wichtig ist – wie setzen wir es durch oder wie tun wir es? Die Themen waren:

1) Gemeinschaften: Hier finden sich Interessierte zusammen, die gemeinsames Kochen, Skill-Sharing und allgemeine Begegnungsmöglichkeiten organisieren. 2) Lokale Treffpunkte: Diese Runde arbeitet ebenfalls weiter und tut sich mit bestehenden Kiezinitiativen, etwa für ein lokales Kino oder dem „Essen für alle“-Treffpunkt zusammen und spricht mit Einrichtungen, um festzustellen, welche Angebote etwa für Jugendliche ganz akut fehlen. 3) Parkcenter: Diese Gruppe sprach über Chancen, die sich daraus ergeben, dass der Bedarf an weiteren Büroräumen doch eher gering ist und auch der Senat inzwischen feststellt, dass fehlende bedarfsgerechte Versorgung die Attraktivität eines Bezirks schmälert („weicher Standortfaktor“). Sorge ins Parkcenter erhielt hier Anregungen aus der Runde. 4) Verkehr: Die genannten Probleme aus Verlängerung der Stadtautobahn, schlechter ÖPNV-Anbindung oder Beleuchtungsmangel wurden weiterbesprochen.

Das Positive: Alle Gruppen arbeiten weiter, es gibt benannte Verantwortliche, und mit der monatlichen KÜFA hat Sorge ins Parkcenter bereits einen Raum geschaffen, wo die Gruppen sich treffen und wohin sie einladen können. Denn nicht alle werden durch Chat-Gruppen erreicht.

Für den Autor war es eine sehr schöne Erfahrung, wie die Einladung zu Beginn „vertraut auf den gemeinsamen Prozess“ aufging und Selbstorganisierung im Werden sichtbar wurde. Auch für den Fortgang ist gesorgt: Die nächste Kiezversammlung ist Ende Mai.

Ein Beitrag von Matthias Neumann (Care Revolution Berlin)

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