Care Revolution | Solidarische Betreuungsinseln für den Kita-Streik. Ein Erfahrungsbericht aus Berlin
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Solidarische Betreuungsinseln für den Kita-Streik. Ein Erfahrungsbericht aus Berlin

Aktuelles – 17. März 2026

Dieser Beitrag wurde uns von der AG Sorgearbeit der Partei Die Linke Berlin-Neukölln geschickt. Wir danken Laura, der Autorin, und der gesamten AG - für den Text und für die Praxis, die ihm zugrundeliegt!

Der Kontext: Die AG Sorgearbeit der Linken Neukölln ist Mitglied im Netzwerk Care Revolution und hat sich folgende Ziele gesetzt: konkrete Verbesserungen im Alltag für Berliner Sorgende umsetzen, das Thema in der Öffentlichkeit groß machen und Sorgende organisieren. 

Auf einer Mitgliedervollversammlung des Bezirksverbands der Partei im Dezember wurde einstimmig ein Antrag der AG angenommen, diese drei Ziele in der Arbeit im Bezirk zu verankern - "unseren Gebrauchswert praktisch machen!" Die Unterstützung sollte sich vor allem in einer solidarischen Ersatzbetreuung während der angekündigten Streiktage ausdrücken, was zunächst parteiintern geplant wurde, bis sich dem berlinweiten Konzept "Betreuungsinseln" von ver.di angeschlossen wurde. 

Ziel war es, streikbetroffenen Eltern nicht nur Solidarität zu bekunden, sondern praktisch etwas anzubieten. Gerade in Bezirken mit hoher Kinderarmut wie Neukölln ist der Wohnraum oft beengt und Familien fehlt es an Alternativen zur Betreuung in den Kitas, vor allem so kurzfristig wie die Streiks (verständlicherweise) angekündigt werden. Außerdem sollte auch die Botschaft der Solidarität mit dem Arbeitskampf der Erzieher*innen im Mittelpunkt stehen. Der parallele Versuch, Erzieher*innen anzusprechen und sie nach ihren Erfahrungen zu fragen (ähnlich dem Konzept der sehr erfolgreichen Haustürgespräche der Partei), verlief teilweise sehr entmutigend, mit abwertenden Zurückweisungen von arbeitgebernahen Kita-Leitungen. Es gab aber auch viele hoffnungsvolle Gespräche und wichtige Kontakte zu organisierten Erzieher*innen konnten geknüpft werden. Zu Eltern gestaltete sich die Kontaktaufnahme aus organisatorischen Gründen schwieriger. Die großen Unterschiede zwischen Kita-Abholzeiten, Sprachbarrieren und wie wenig Zeit die meisten Eltern haben stellte uns vor Herausforderungen.

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Die Aktion: Mit einem Auftaktangebot im Dezember ging es in Parteiräumen in Berlin-Neukölln los. Viele Freiwillige hatten sich auf einen parteiinternen Aufruf hin zum Helfen gemeldet, und eine neue Vernetzungsgruppe wurde gegründet. Die Rahmenbedingungen: Mehrere Familien konnten sich zusammenschließen und ihre Kinder mit einer erwachsenen Bezugsperson zu uns bringen, wo es mehr Platz und teilweise auch die Möglichkeit für Home Office gab. Es gab frisches warmes Mittagessen, viel Spielzeug und Beschäftigungsmöglichkeiten, Musik, gute Laune und inspirierende Gespräche... nur Kinder waren keine da. Das gingen den meisten Betreuungsinseln in ganz Berlin so. Auch der Insel in den Räumen des Stadtteilkommittees ganz in der Nähe, deren Mitarbeitende kurzerhand zum MIttagessen eingeladen wurden. Es wurde diskutiert, woran es wohl gescheitert war und bessere Werbung für die nächste Streikrunde geplant. Gesagt, getan, neue Streikrunde angekündigt, Instaposts versendet, im Parteinewsletter Erwähnung, Flyern vor Kitas. Wieder keine Kinder da. Ver.di bot zwischendurch ein Vernetzungstreffen an, um Strategien auszutauschen und das Konzept generell gemeinsam zu überdenken. Leider gab es unschöne Situationen vor einer Kita, deren Leitung verbieten wollte, Eltern überhaupt über das Angebot zu informieren. Diese unsolidarische Haltung verurteilen wir ebenso wie ver.di explizit. Über die gewerkschaftliche Vernetzung wird versucht, auch in diesen Kitas mit feindseliger Haltung die Erzieher*innen und Eltern zu erreichen.

Am letzten Streiktag dann der Erfolg: Zwei Elternteile mit drei KIndern kommen für mehrere Stunden zu unserem Angebot und verbringen eine schöne Zeit mit Spielen, Snacks und interessantem Austausch.

Das Resümé: Die hohe Hilfsbereitschaft in der Partei und die Begeisterung in der Zusammenarbeit mit anderen Inseln stimmte hoffnungsvoll. Die Organisation und Abwicklung der Angebote machten Spaß, nur stellte sich natürlich auch Frust bei ausbleibender Nutzung ein. Ähnliches wiederholte sich beim Angebot der Betreuung während des Streiks zum Internationalen Feministischen Kampftag am 09. März. Es bleibt ein wenig die Frage offen, ob diese Inseln auch bei ausreichender Werbung evtl. nicht niedrigschwellig genug waren (eine Bezugsperson musste ja trotzdem anwesend sein und wir hatten zur Planung um Anmeldung gebeten) oder ob das Vertrauen in parteinahe Orte und Beteiligte nicht gegeben war. Außerdem waren die Wetterbedingungen gut, sodass wahrscheinlich viel auf öffentlichen Raum draußen ausgewichen wurde. Vermutlich brauchte es auch einfach mehr Zeit für Mundpropaganda in den Kitas, um die Angebote bekannter zu machen, und die Werbung fand nur auf deutsch statt. Gerade Familien mit erhöhtem Hilfebedarf bei Streiks hätten teilweise vielleicht Ansprache auf anderen Sprachen gebraucht. Am dritten Streiktag zeigte sich: Es brauchte quasi "Anker"-Eltern, (in diesem Fall ein Parteimitglied, das sich also der Qualität unseres Angebots sicher sein konnte), die dann andere Familien mitbringen. Diese Erkenntnisse nehmen wir mit in die Zukunft, in die wir weiterhin kämpferisch hoffnungsvoll blicken. 

Laura für die AG Sorgearbeit der Linken Neukölln

(Hinweis zum Bild: Die Zeichnung entstammt dem verlinkten ver.di-Flyer. Dort liegen auch alle Rechte am Bild.)

"Denk mal mit"-Aktion in Berlin 13. März 2026