Care Revolution | „Who cares?“ - Bericht von einer Veranstaltungsreihe in Heidelberg
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„Who cares?“ - Bericht von einer Veranstaltungsreihe in Heidelberg

Aktuelles – 07. Januar 2026

Der folgende Bericht wurde uns von Heid Flassak von Care Revolution Rhein-Neckar zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!

Die Veranstaltungsreihe fand im Collegium Academicum (CA) Heidelberg statt, einem gemeinschaftlich organisierten Wohnprojekt für über 250 junge Menschen, organisiert von einer kleinen Gruppe der Bewohner*innen.  Veranstalter war der Förderverein des Collegium Academicum (CA) mit finanzieller Unterstützung des Quartiersmanagements im Stadtteil Hasenleiser.

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Motivation und Ziel der jungen Organisatorinnen:  
Care-Arbeit (Sorge-Arbeit) zu thematisieren, gemeinsam mit Expert*innen und anhand von Erfahrungen und Beispielen zu besprechen und zu schauen, wie Sorge-Arbeit auf lokaler Ebene, im Stadtteil anders oder neu organisiert werden kann.

Das Konzept der Sorgenden Städte

Barbara Fried von der Rosa-Luxemburg-Stiftung wies einführend daraufhin, dass die Sorgearbeit die Grundlage jeder Gesellschaft ist – ob im familiären Alltag, in Nachbarschaften, zwischen Generationen oder im globalen Miteinander. Sie hält unser gesellschaftliches Zusammenleben und unsere Wirtschaft am Laufen. Dennoch wird sie im öffentlichen Diskurs oft unsichtbar gemacht, findet das sich Kümmern um Andere häufig zu prekären Bedingungen statt und ist entlang von Geschlecht, Klasse und Herkunft ungleich verteilt. Doch angesichts wachsender sozialer Ungleichheit, ökonomischer Unsicherheit und des Klimawandels wird immer deutlich: Eine zukunftsfähige Gesellschaft muss Fürsorge ins Zentrum gesellschaftlicher Organisation rücken.

Eine Sorgende Stadt stellt genau das in den Mittelpunkt: das gute Leben für alle. Sie bietet zugängliche Betreuungs- und Gesundheitsinfrastrukturen, faire Verteilung von Sorgearbeit, kollektive Formen der Verantwortungsübernahme, eine gerechte Stadtplanung und gemeinwohlorientierte Nutzung von Ressourcen und Räumen. Die spannende Frage ist, wie der Weg in eine Sorgende Stadt gelingen kann.

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Laut Barbara Fried wie den Ergebnissen der Diskussion sind folgende Strategien entscheidend:

Demokratisierung und Vergesellschaftung von Sorgearbeit 

-   Abkehr von der Marktlogik: Statt Profitmaximierung steht das „gute Leben für alle“ im Fokus. Sorgearbeit wird nicht mehr als rein private Familienaufgabe gesehen, sondern als gesellschaftliche Verantwortung.

-   Feministische Stadtplanung: Die Stadt wird so gestaltet, dass sie die Bedürfnisse von Pflegenden und Gepflegten gleichermaßen berücksichtigt. Dies beinhaltet die Sichtbarmachung struktureller Ungleichheiten und die Förderung der Geschlechtergerechtigkeit in Entscheidungsprozessen.

Infrastruktur der Nähe und kurze Wege

-    Multifunktionale Quartiere: Die Planung konzentriert sich auf das Quartier als zentralen Handlungsraum, in dem Nahversorgung, Pflegeeinrichtungen und soziale Treffpunkte fußläufig erreichbar sind („Stadt der kurzen Wege“).

-    Zugängliche Sorgezentren: Die Einrichtung von Stadtteilzentren oder „Sorgezentren“ ermöglicht die Koordination von professioneller Pflege, ehrenamtlichem Engagement und familiärer Unterstützung an einem Ort. 

Förderung von "Caring Communities"

-    Vernetzung der Akteure: Erfolgreiche Modelle verbinden kommunale Strukturen mit bürgerschaftlichem Engagement und Gemeinwesenarbeit.

-    Partizipation: Betroffene, wie z. B. pflegende Angehörige oder Menschen mit Behinderungen, werden direkt in die Gestaltung der Angebote einbezogen. 

Politische Verankerung und internationale Vorbilder

-    Munizipalismus: Stärkung lokaler Selbstverwaltung und die Kommunalisierung von Dienstleistungen.

-    Best Practices: Städte wie Barcelona oder Bogotá dienen als Vorbilder. Sie haben (hatten) bereits integrierte Sorgesysteme und Stadtteil-Pflegenetzwerke etabliert. 

Zusammenfassend gelingt die Transformation zur Sorgenden Stadt nur durch eine Neuausrichtung der Prioritäten: Sorge als Grundrecht anerkennen und die städtische Infrastruktur konsequent an den Bedürfnissen der Bewohner ausrichten. 

Film „Care ist mehr. Neue Wege im Sorgebereich“

Die Filmemacherin Anne Frisius lässt in ihrem Film verschiedene Protagonistinnen zu Wort kommen, die jenseits des bekannten Notstandes andere Perspektiven sicht- bzw. denkbar machen. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, die Bedürfnisse der Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen und innovative Ansätze im Sorgebereich aufzuzeigen, wie z.B. eine selbstverantwortete Kölner Demenz-WG.

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Stimmen im Film

Silvia Habekost, Aktivistin eines Krankenhaus-Streiks in Berlin, in dem ein Entlastungs-Tarifvertrag erstreikt wurde (das bedeutet, dass Arbeits-Überlastung durch freie Tage ausgeglichen werden muss): „So ein System funktioniert nicht, wenn man es nicht nach dem Bedarf, sondern nach Profitgier ausrichtet.“

Charlotte Hitzfelder vom Netzwerk Care-Revolution / Konzeptwerk Neue Ökonomie, Leipzig, (ein Think Tank und Bildungswerk): „Sorge muss ins Zentrum gestellt werden, von Wirtschaft und Gesellschaft. Ohne Sorge können wir auf diesem Planeten nicht leben.“

Gisela Notz, Sozialwissenschaftlerin und Historikerin (Berlin): „Und dann kann man ja auch mal fragen, ob es private Krankenhäuser geben soll. Oder immer mehr private Altenheime, wo viel Geld abgeschöpft wird.“

Justyna Oblacewicz von der Beratungsstelle Faire Mobilität (Beratungsnetzwerk für Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa zu ihren Arbeitsrechten in Deutschland): „Wir brauchen mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung für diese Arbeit. Und das ist Arbeit, kein Ehrenamt!“

Brigitte Bührlen von der Wir! Stiftung pflegender Angehöriger (München): „Wir brauchen Netzwerke, damit wir voneinander wissen, wir eine Lobby bilden, damit wir sagen können, was wir brauchen!“

Die Versorgung älterer und pflegebedürftiger Menschen in Deutschland ist erschreckend schlecht abgesichert. Brigitte Bührlen von der WIR! Stiftung: „84 % der Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. Warum lassen wir die Erfahrung von vielen pflegenden Angehörigen so brachliegen? Warum haben WIR als pflegende Angehörige nirgends Mitspracherecht?“

In der Diskussion mit Anne Frisius wird wieder deutlich: es braucht dringend grundsätzlich neue Ansätze für ein würdevolles Leben mit Unterstützungs- oder Pflegebedarf statt profitorientierter Pflegeunternehmen.

LUA (Liga für unbezahlte Arbeit e.V.)

Franzi Helms vom Vorstand LUA e.V. zeigte anhand von Folien den aktuellen Stand von Care-Arbeit/Care-Arbeitenden auf und stellte LUA vor.
LUA, auch als erste „Carewerkschaft“ Deutschlands bezeichnet, wurde 2025 gegründet. Ihr Ziel ist die politische und soziale Stärkung von Menschen, die unbezahlte Sorgearbeit (Care-Arbeit) leisten. 

Ziele der LUA

  • Anerkennung und Schutz: Die LUA fordert, unbezahlte Sorgearbeit als zentrale gesellschaftliche Leistung rechtlich abzusichern und den Schutz familiärer Fürsorgearbeit im Grundgesetz zu verankern.

  • Sichtbarkeit: Den enormen wirtschaftlichen Wert unbezahlter Arbeit (geschätzt auf 1,2 Billionen Euro in Deutschland) politisch sichtbar machen.

  • Gleichstellung: Bekämpfung der strukturellen Benachteiligung und Diskriminierung von Sorgearbeitenden. 

Das Konzept der LUA weicht von einer klassischen Gewerkschaft ab, da sie als gemeinnütziger Verein organisiert ist, sich jedoch an gewerkschaftlichen Arbeitsweisen orientiert: 

  • Vernetzung & Organisation: Sie fungiert als Plattform für den Austausch und die Bündelung der Interessen von Eltern, pflegenden Angehörigen und anderen Sorgearbeitenden.

  • Interessenvertretung: Durch Kampagnen, Petitionen und Lobbyarbeit vertritt sie die Belange von Care-Arbeitenden gegenüber der Politik.

  • Unterstützungsangebote: Geplant ist der Aufbau einer Rechtsberatung sowie konkrete Vernetzungsformate wie die „CONNECT_CARE“-Treffen.

  • Demokratische Teilhabe: Die Organisation versteht sich als Bewegung, die durch Mitgliederbeiträge finanziert wird und für das Jahr 2026 neue Austauschtermine angekündigt hat. 

Interessierte können über die offizielle Website der Liga für unbezahlte Arbeit (LUA) Mitglied werden oder sich an aktuellen Aktionen beteiligen. 

Ein zentrales Ergebnis der Diskussion war die Verständigung auf eine stärkere Vernetzung der unterschiedlichen Akteure und Organisator*innen, gemeinsame Aktionen zu initiieren und sich gegenseitig zu unterstützen.

 

Das Netzwerk Care Revolution Rhein-Neckar begrüßte diese Initiative und Veranstaltungsreihe sehr und beteiligte sich aktiv an den Diskussionen. Die Organisatorinnen und Organisatoren sowie ein Teil des Publikums zeigten sich erfreut über die Perspektive, das Thema gemeinsam mit dem Netzwerk Care Revolution RN weiterzuverfolgen und aktiv zu werden.

Feministischer Generalstreik für Carearbeit im Baskenland – Ein Veranstaltungsbericht 03. Dezember 2025