Care Revolution | Ein feministischer Generalstreik auch in Deutschland?
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Ein feministischer Generalstreik auch in Deutschland?

Aktuelles – 09. März 2026

Was bräuchte es, um die Zustände in der Care-Arbeit zu verändern?

Dieser Beitrag wurde in der 8.März-Ausgabe der Zeitung Neues Deutschland erstveröffentlicht. Wir danken dem ND für die Möglichkeit, ihn auf die Website zu stellen! Silvia Klein und Matthias Neumann, aktiv im AK Feministischer Streik im Netzwerk Care Revolution, haben den Beitrag verfasst.

Hier ist der ND-Artikel zu finden. Für die Veröffentlichung auf unserer Website haben wir ausschließlich die Überschrift (rück-)verändert.

Ohne Sorgearbeit funktioniert keine Ökonomie, kein menschliches Leben. Wir sind von der Geburt bis zum Tod und an jedem Tag dazwischen auf Unterstützung sowie Fürsorge anderer Menschen angewiesen. Dennoch oder auch deshalb ist es so schwer, Rahmenbedingungen durchzusetzen, die den Bedürfnissen beispielsweise von Erzieher*innen, pflegenden Angehörigen oder auf Assistenz Angewiesenen entsprechen. Denn gerade weil Sorgearbeit so existenziell ist, weil sie Beziehungen voller Verantwortlichkeit begründet oder daraus hervorgeht, wird sie häufig geleistet, solange es irgendwie geht.

Wer Verantwortung für andere übernimmt, braucht Solidarität, um für sich handlungsfähig zu sein. Wir müssen gemeinsam sagen: Die gegenwärtigen Bedingungen der Sorgearbeit möchten wir nicht länger aufrechterhalten.

Seit einiger Zeit wird verstärkt über einen großen feministischen Streik 2027 nachgedacht, an dem entlohnt und unentlohnt Sorgearbeitende gemeinsam aktiv werden. Spätestens seit das Feministische Streikkollektiv Zürich im Juni 2025 dazu aufgerufen hat, den 14. Juni, den traditionellen feministischen Streiktag in der Schweiz, 2027 mit einem großen Care-Streik zu begehen, ist ein solches Vorhaben auch hierzulande immer wieder Thema.

In diesem Zusammenhang ist uns wichtig: Ein feministischer Streik 2027 ist keine Idee mit nur einer Urheber*in. Die bundesweite Feministische Streikvernetzung, das Netzwerk Care Revolution, das Konzeptwerk Neue Ökonomie, Verdi-Aktive, die Liga für Unbezahlte Arbeit, die Feministische Front und weitere, wir alle entwickeln Ideen, überlegen, kommen zusammen – und hoffen, dass wir noch mehr werden. Unserer Wahrnehmung nach wuchs das Thema, weil die Zeit reif ist und die unerträglichen gesellschaftlichen Verhältnisse es unumgänglich machen. Immer mehr Menschen denken über einen solchen Streik nach, für sich und auch schon gemeinsam. Er ist jedoch ein zartes Pflänzchen, das behutsam gedüngt und gewässert sein will. Deshalb muss die Ankündigung konkreter Pläne noch etwas warten.

Das Vorhaben eines solchen Sorgestreiks ist, wenn der Begriff ernst gemeint ist, nicht in ein paar Monaten umsetzbar. Wir verstehen, ganz knapp gesagt, einen Streik als Verweigerung der Kooperation durch die Arbeitenden, bis eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen durchgesetzt ist. So kann er grundsätzlich die entlohnte wie die unentlohnte Arbeit betreffen, wobei die Bedingungen für Kämpfe um die Arbeit in diesen Bereichen sehr unterschiedlich sind.

Diese verschiedenen Bereiche der Sorgearbeit in einem Aktionskonzept zusammenzubinden, benötigt Zeit und Gespräche unter den Akteur*innen. Wie dies gelingen kann, zeigte etwa der feministische Generalstreik im spanischen Baskenland und in Teilen Navarras im Herbst 2023. Auch hier begannen die Vorbereitungen etwa eineinhalb Jahre zuvor. Feministische Bündnisse starteten die Planung mit einer Vollversammlung im Februar 2022; der Streik fand am 30. November 2023 statt.

An diesem Tag wurden Sorgeeinrichtungen wie Industriebetriebe bestreikt. In mehreren Städten und auf dem Land gab es Demonstrationen und Kundgebungen. Thematisiert wurde eine Reihe zentraler Forderungen, zum Beispiel: die in großem Umfang privatisierten Care-Einrichtungen in staatliche oder genossenschaftliche Hand geben; die Rechte der migrantischen Care-Arbeiterinnen, auch in Privathaushalten, stärken, einschließlich regulärer Verträge und eines Aufenthaltsrechts, das nicht an den Arbeitsplatz gekoppelt ist; eine Mindestrente von 1080 Euro für alle.

Auch in Deutschland gibt es ermutigende Erfahrungen: Streiks in der entlohnten Care-Arbeit haben in den letzten 15 Jahren einen Aufschwung erfahren. Erfolge gibt es etwa in der Tarifbewegung für Entlastung in Krankenhäusern, wo dank der Finanzierung über Fallpauschalen durch einen Streik ökonomischer Druck ausgeübt werden kann. Dennoch sind auch hier wegen des moralischen Drucks auf Beschäftigte – »Ihr seid für eure Patient*innen verantwortlich« – Solidaritätsbündnisse zentral, die das »Mehr von uns ist besser für alle« auf den Punkt bringen. Ein Zusammenkommen von Menschen in allen Care-Positionen ist erst recht dort wichtig, wo ein Streik keinen direkten ökonomischen Druck ausübt, etwa von Beschäftigten und Eltern in Kitas.

In der unentlohnten Care-Arbeit gibt es nicht einmal einen »Arbeitgeber«, der zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen gezwungen werden kann. Hier geht es zum einen um gerechtere Verteilung der anfallenden Sorgearbeit, und das heißt angesichts der existierenden patriarchalen Arbeitsteilung: Umverteilung zwischen den Geschlechtern. Zum anderen geht es um die Vergesellschaftung der Haus- und Familienarbeit. Denn solidarische und kollektive Lösungen bei Betreuung, Küche oder dem Lösen von Alltagsproblemen entlasten und verbinden die Sorgearbeitenden zugleich. Ziel ist, im Streik diese solidarische Reorganisation herzustellen.

Wir brauchen also eine Verschränkung zwischen den verschiedenen Positionen in der Sorgearbeit, um verbesserte Bedingungen für alle zu erreichen. Und wir kommen schon jetzt punktuell zusammen. So ist es etwa im Bereich der Sozial- und Erziehungsdienste schon fast eine kleine Tradition geworden, dass, wenn die Termine einer Tarifrunde das hergeben, der 8. März ein Streiktag ist.

An einem gemeinsamen Streiktag Care-Lohnarbeitskämpfe zu unterstützen, schon im Streik Kinderbetreuung, Kochen, Nachbarschaftshilfe kollektiv zu organisieren und die Arbeit auch gleich geschlechtergerecht umzuverteilen – wenn das massenhaft geschieht, können wir unsere Kraft spüren. Dann erleben wir vielleicht schon ein wenig, wie es wäre, in einer Care-zentrierten Gesellschaft zu leben. Und vielleicht gerät selbst die Vorstellung eines feministischen Generalstreiks in den Bereich des Denk- und Machbaren.

Rodins "Denker" und andere in Bielefeld feministisch geerdet 08. März 2026