Care Revolution | (Wie) kann unbezahlte Care-Arbeit bestreikt werden?
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(Wie) kann unbezahlte Care-Arbeit bestreikt werden?

Aktuelles – 29. Mai 2026

Der folgende Beitrag stammt von Silvia Klein, die sich im Netzwerk Care Revolution unter anderem im Arbeitskreis zu einem feministischen / Care-Streik engagiert. Zur leichteren Lesbarkeit und zum Download und Ausdrucken findet ihr ihren Beitrag unten zusätzlich als PDF. Dieses enthält zusätzlich Fußnoten mit Literaturangaben, die im Text auf der Seite zugunsten des Leseflusses fehlen.

2027 könnte das Jahr für einen flächendeckenden feministischen Streik in Deutschland werden. Häufig wird statt von feministischem Streik von einem Care-Streik gesprochen. Kein Wunder, verrichten Frauen (die offiziellen Statistiken sind leider entsprechend binär) doch immer noch 43 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer und sind auch in anstrengenden (unter)bezahlten Care-Berufen überproportional vertreten. Die Abwertung von Care-Arbeit ist also ein feministisches Thema.

Streiks in Care-Berufen sind mittlerweile keine Seltenheit mehr, als von der Gewerkschaft ausgerufene Streiks im Rahmen von Tarifverhandlungen. Natürlich gibt es im Vergleich zu vielen anderen Berufen höhere emotionale und organisatorische Streikhürden, die damit verbunden sind, dass Care-Arbeit nicht einfach eingestellt werden kann. Außerdem erzeugen in vielen Care-Branchen Streiks keinen ökonomischen Druck, weil sie die Einnahmen nicht verringern. Solidarische Konzepte, die Pflege und Betreuung z.B. bei einem Kita-Streik sicherstellen, werden erprobt und die KiTa-Streiks oder der anhaltende Streik der Angestellten der Vivantes-Tochtergesellschaften in Berlin für eine Eingliederung in den Tarifvertrag zeigen, dass solche Streiks Praxis sind.

Bei einem umfassenden feministischen Care-Streik ist aber nicht nur die Organisation der bezahlten Care-Arbeit gemeint. Wenn das Vorhaben ernst gemeint ist und einen entsprechenden Impact haben soll, darf die unbezahlte Care-Arbeit nicht ausgeklammert werden. Dafür stellt sie einen zu großen Teil der gesamtgesellschaftlich verrichteten Arbeit dar. Im Privaten zeigen sich außerdem die patriarchalen Strukturen besonders klar. Es ist kein Zufall, dass zum Beispiel Frauen in Hetero-Beziehungen mehr Care-Arbeit als ihre Partner erledigen.

Beim Bestreiken unbezahlter Care-Arbeit gibt es zwei Probleme:

Erstens, dass Care-Arbeit nicht einfach nicht gemacht haben kann und es im Gegensatz zu einem gewerkschaftlichen Streik kaum Konzepte gibt, um die notwendige Arbeit während des Streiks sicherzustellen. Ausgerechnet die Unverzichtbarkeit von Care, die den Streik nötig macht, kann ihn ausbremsen. Es muss unbedingt verhindert werden, dass ein Streik vor allem die trifft, die sowieso schon verwundbar sind und unter den Strukturen leiden. Nur, wenn dies glaubhaft versichert werden kann, ist auch eine flächendeckende Mobilisierung von Menschen in Care-Verantwortung möglich.

Zweitens zielt ein Streik in der bezahlten Arbeit darauf ab, einen so großen ökonomischen Druck aufzubauen, dass die Verantwortlichen lieber den Forderungen nachgeben als weiter den Streikzustand hinzunehmen. In der unbezahlten Care-Arbeit kann dieser Druck höchstens indirekt aufgebaut werden, wenn zum Beispiel Väter beruflich kürzertreten müssen, um die Care-Arbeit zu übernehmen, die Mütter verweigern.

 

Wie kann also die unbezahlte Care-Arbeit in einen Care-Streik integriert werden?

Hier sollen drei (nicht abschließende) Möglichkeiten genannt werden, einen Care-Streik zu begreifen.

Eine Möglichkeit ist es, die Care-Arbeit analog zu einem Streik in der Erwerbsarbeit niederzulegen. Das baut zwar keinen direkten ökonomischen, aber einen emotionalen Druck auf. Der entsteht allerdings auf beiden Seiten. Auch die Person, die sich jeden Tag der Hausarbeit annimmt, wird es stören, wenn der dreckige Wäscheberg immer höher wächst. Ebenso kann eine Verweigerung von Care-Arbeit zu Spannungen und im schlimmsten Fall Gewalt in privaten Beziehungen führen. Kranke Menschen und Kinder, die von Care abhängig sind, sollen außerdem nicht vernachlässigt werden.  

Ein Ansatz wäre, nach der Art von Care-Arbeit zu unterscheiden und zum Niederlegen der Arbeit aufzurufen, bei der dies unbequem, aber nicht lebensbedrohlich wird. Ein Ehemann stirbt nicht, wenn seine Ehefrau eine Weile nicht für ihn kocht oder putzt, es wird ihn aber gehörig nerven und die sonst unsichtbare Care-Arbeit sichtbar machen. Für Pflege oder Kinderbetreuung könnte nach kollektiven Betreuungsmöglichkeiten gesucht werden. Dann wird die Arbeit natürlich nicht komplett niedergelegt (was gar nicht geht), aber ihre Last wird auf mehr Schultern verteilt und so wird ein Prozess gestartet, der hoffentlich sogar langfristig die Gestaltung der Sorgearbeit wandelt.

Eine andere Möglichkeit könnte sein, andere Tätigkeiten zu bestreiken, um auf Care-Arbeit und die dafür benötigten Kapazitäten aufmerksam zu machen, zum Beispiel die eigene Erwerbsarbeit, wenn vorhanden. Das geht mit eigenen Risiken einher und funktioniert eigentlich nur, wenn ein übergreifender Generalstreik mit Kollektivmacht entsteht. Ein Streikschutz am Arbeitsplatz besteht nämlich nur dann, wenn er durch die entsprechende Gewerkschaft innerhalb einer erlaubten Frist und mit Forderungen, die den Arbeitsbereich betreffen, ausgerufen wird. Gleichzeitig gibt es durchaus einen gewissen Rahmen für politische Forderungen in einem gewerkschaftlichen Streik. Sowohl bei dieser als auch bei der zuvor genannten Form des Care-Streiks muss, wenn dazu aufgerufen wird, über Gewalt- und Rechtsschutz für alle Beteiligten nachgedacht werden. Es sollte nicht von Einzelpersonen verlangt werden, das Risiko für ihren Streik alleine zu tragen.

Weiterhin ist ein metaphorischer Streik möglich, wie dieses Konzept vom Kollektiv Precarias a la deriva genannt wird. Die Argumentation dafür lautet, dass ein Sorgestreik anders funktionieren muss als klassische Streiks.  In der spätkapitalistischen Gesellschaft sei Sorge selbst zu einem produktiven Feld geworden. Die meisten Bereiche unseres Lebens folgen mittlerweile einer kapitalistischen Verwertungslogik, müssen ständig quantifiziert und optimiert werden, unterliegen dem Wachstumsdruck. Da Sorge nicht ausgesetzt werden kann, muss der Streik stattdessen eine Überproduktion produzieren, die sich dem Markt entzieht. Die kollektive bedürfnisorientierte Organisation von Sorgetätigkeiten ohne Profitorientierung könnte also bereits als ein Bestreiken der bestehenden kapitalistischen Ordnung verstanden werden. Das setzt voraus, dass der Streik zur Alltagspraxis wird und Raum für vielfältige Formen der solidarischen Organisation von Care-Arbeit existiert sowie, dass es gelingt, von der Isolation in die Gemeinschaftlichkeit zu gehen.

So oder so: Wenn ein Care-Streik erfolgreich sein und so viele Menschen wie möglich miteinbeziehen soll, muss eine gewisse Offenheit für verschiedene Streikformen und für unterschiedliche Auslegungen des Streikbegriff möglich sein. Sicher ist eine komplette Aufweichung des Streikbegriffs, bei dem jede kleine Aktion als „Streik“ bezeichnet wird, nicht hilfreich. Ein Streik, der eine Wirkung hat, muss in irgendeiner Form die bestehende Ordnung durchbrechen, stören und laut sein. Vielversprechend scheint ein Streik- und Aktionszeitraum, in der unterschiedliche politische, feministische und gewerkschaftliche Gruppen mit jeweils ihrer Erfahrung verschiedene Menschen dort abholen, wo sie sind und in der Mobilisierung Streikangebote machen, die umsetzbar sind. Dabei wird es unvermeidbar sein, uns selbst und das, woran wir gewöhnt sind, zu hinterfragen. Gut möglich, dass auch im Privaten anstrengende Gespräche geführt werden müssen, Vorwürfe aufkommen (weil beispielsweise eine Familienmutter nicht mehr ungefragt den gesamten Mental Load trägt), im Prozess der Umverteilung von Care-Arbeit manche Dinge zunächst nicht reibungslos laufen. Gewisse Unannehmlichkeiten müssen in Kauf genommen werden. Letztendlich wird es auf lange Sicht noch unangenehmer, wenn wir nicht streiken und alles weiter läuft wie bisher.

Zusätzlich sollte sich auch darüber Gedanken gemacht werden, worin das Ziel eines feministischen Care-Streiks liegt. Auch das kann anders aussehen als das Ziel eines ökonomischen Streiks im Tarifkonflikt. Es ist wohl nicht zu pessimistisch, zu behaupten, dass ein Streiktag das Patriarchat nicht überwinden kann.

Die Aktionen, die Mobilisierung, das Zusammenkommen können aber der Auftakt sein für ein solidarisches Miteinander und für eine andere Organisation der Care-Arbeit, eine, in der Care im Zentrum steht. Der feministische Care-Streik ist kein singuläres Ereignis, sondern ein Prozess auf dem Weg für das gute Leben für alle. Dafür ist unabdingbar, dass die Strukturen, die während des Streiks und der Mobilisierung entstehen, gleichberechtigt sind und nicht den Sexismus und die anderen strukturellen Diskriminierungsformen, die in der Gesellschaft herrschen und die in uns alle eingeschrieben sind, spiegeln.

Zum Schluss noch ein Appell, sich auf die feministische Tradition rückzubesinnen, in der wir stehen. Wir sind nicht die ersten und nicht die einzigen, die für unsere Rechte kämpfen und dabei unsere Arbeit niederlegen. Island 1975, Italien 2017, Baskenland 2022, um nur einige, nicht allzu weit entfernte, feministische und Frauen(general)streiks zu benennen, bei denen auch unbezahlte Care-Arbeit bestreikt wurde. Lasst uns miteinander sprechen, Erfahrungen austauschen und voneinander lernen.

In der Schweiz ruft das Feministische Streikkollektiv für 2027 zum feministischen Streik auf, bei dem die unbezahlte Care-Arbeit im Vordergrund stehen soll. Auch davon können wir uns hier inspirieren lassen. Auf der Website des Kollektivs finden sich bereits einige kreative Ideen, wie ein Care-Streik und das Sichtbarmachen von unbezahlter Care-Arbeit gelingen können. Vorgeschlagen werden Aktionen wie das in Rechnung stellen von Care-Arbeit an Familienmitglieder oder Politiker*innen, symbolische Arbeitsunterbrechungen oder, wenn möglich, eine temporäre Ersatzpflege zu organisieren.[

Wie immer gilt: Zusammen sind wir stark. Also lasst uns zusammen streiken. Die Alternative können wir uns schlicht nicht leisten.

Ehrenamt – Eine Rezension 28. Mai 2026