Care Revolution | Halbjährliches Care Revolution-Netzwerktreffen am 21.03. – Eindrücke vom Tag
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Halbjährliches Care Revolution-Netzwerktreffen am 21.03. – Eindrücke vom Tag

Aktuelles – 22. März 2026

Am 21. März stand unser halbjährliches Netzwerktreffen an. Nachdem wir uns zuletzt mehrmals in Präsenz über ein ganzes Wochenende getroffen hatten, verdichteten wir das Treffen diesmal wieder auf eine ganztägige Online-Veranstaltung. Dabei standen Themen im Mittelpunkt, die in der Tätigkeit des Netzwerks Care Revolution große Bedeutung haben.

Den Auftakt machte eine Einführung in Entstehung, Grundpositionen und Arbeitsweise des Netzwerks Care Revolution von Matthias Neumann (Care Revolution-Regionalgruppe Berlin). Hauptziel dieses Programmpunkts war, den teilnehmenden Gäst*innen mitzugeben, was das Netzwerk ausmacht, und ihnen auch die Möglichkeit zu geben, Fragen loszuwerden. Die Runde war für einen Samstagmorgen recht lebhaft und das Konzept bewährte sich. Das Gesagte wiederzugeben erübrigt sich; auf der Website findet ihr die Grundzüge zur Arbeitsweise und zur Geschichte des Netzwerks Care Revolution.

Nach einer Runde zum Ankommen mit kurzer Vorstellung des Tagesablaufs ging anschließend das Hauptprogramm los. Im ersten Teil stellte Silvia Klein (Koordinationsstelle Solidarisch Sorgen e.V.) den Stand der Überlegungen zu einem feministischen bzw. Care-Streik 2027 dar. Über einen solchen Streik wird in verschiedenen feministischen Organisationen und Vernetzungen besonders seit letztem Herbst gesprochen, je intern und auch miteinander. Seit dem letzten Netzwerktreffen gibt es auch im Netzwerk Care Revolution einen Arbeitskreis, in dem sich Aktive über ihre Planungen und Aktivitäten hierzu austauschen. Für Leute, die mehr wissen wollen: Überlegungen und Aktivitäten zum feministischen Streik sind auf der Website in einem Projekt zusammengestellt. Im März gab es beispielsweise in einigen Städten Umgestaltungen von Denkmälern und Statuen, mit denen auch das Thema eines feministischen Streiks transportiert werden sollte. Der Austausch beim Netzwerktreffen gab dem Arbeitskreis einige Ideen und Anregungen mit. Wertvoll ist etwa das von vielen geteilte Interesse, an einem großen Streiktag die unentlohnte Sorgearbeit wie Kochen oder Kinderbetreuung gemeinsam und auf öffentlichen Plätzen zu organisieren – mit der Anschlussfrage, wie diejenigen einbezogen werden können, die weniger mobil sind.

Der nächste Input kam von Ronald Blaschke (Netzwerk Grundeinkommen) zum Thema „Armut von Sorgebedürftigen und Sorgenden“. Der Vortrag erläuterte, wie Lebenssituationen, in denen die Sorgebelastung besonders hoch ist, etwa bei Alleinerziehenden oder kinderreichen Familien, die Wahrscheinlichkeit erhöht, in Armut zu leben. Auch gesundheitliche Beeinträchtigungen führen mit hohem Selbstsorgeaufwand und eingeschränkter Erwerbsfähigkeit überdurchschnittlich zu Armut. Weil die bestehenden sozialen Sicherungssysteme Hürden – Scham, Hilflosigkeit gegenüber behördlichen Anforderungen – aufbauen und Bedarfe und Belastungen aus Sorgesituationen nicht berücksichtigen, plädierte er als Mitglied einer Autor*innengruppe, die einen entsprechenden Vorschlag vorgelegt hat, für eine Kombination aus einer alle Einkommensarten einbeziehenden Bürger*innenversicherung, einer ausgebauten und kostenlos zugänglichen sozialen Infrastruktur sowie einem bedingungslosen Grundeinkommen. Im Anschluss wurde dieser Vorschlag angeregt und kontrovers diskutiert. Bei der Diskussion ging es sowohl um die konkrete Ausgestaltung einzelner Elemente wie der Besteuerung von Vermögen als auch um die erforderliche Verbindung mit Prozessen sozialer Bewegung, wenn für ein Modell keine politischen Mehrheiten absehbar sind.

Nach der Mittagspause ging es weiter mit dem Thema „Nachbarschaftsorganisierung für eine sorgende Stadt“. Den einleitenden Vortrag gab Fran Hollweg (Initiative Sorge ins Parkcenter). Die Initiative strebt nicht nur an, als ein Projekt feministischer Vergesellschaftung ein großenteils leerstehendes Einkaufszentrum im Südosten Berlins in ein Sorgezentrum umzuwandeln. Sie kümmert sich ebenso sehr um Nachbarschaftsorganisierung. Beide Themen sind dadurch verzahnt, dass die Durchsetzung von Forderungen zum Sorgezentrum solidarische, zum Handeln motivierte Strukturen in der Nachbarschaft benötigt. Zum anderen sind Alltagsunterstützung in der Sorgearbeit und bedürfnisgerechte Raumgestaltung etwas, was auch selbstorganisiert und kleinräumig geschehen muss. Die Referentin erläuterte das Vorgehen der Initiative von Bedarfserhebung und Vertrauensbildung durch Präsenz im Kiez bis zu Schritten der politischen Organisierung. In den anschließenden Kleingruppen und der Plenumsdiskussion gab es viele konkrete Ideen. Immer wieder ging es etwa darum, dass unterstützende soziale Infrastruktur direkt mit Räumen für Gruppentreffen und einladenden Orten für zwanglose Treffen verbunden sein soll. Dabei ist gerade auf die konkreten Bedarfe z.B. hinsichtlich Kinderbetreuung oder Barrierefreiheit zu achten, um niemand auszuschließen. Hier war die Kontroverse spiegelbildlich zum vorherigen Slot. Während dort die Hilflosigkeit von Modellen, solange sie nicht in Bewegungsprozessen verankert sind, thematisiert wurde, ging es hier um die Grenzen von kleinräumiger Organisierung, wenn fehlende Absicherung und Armut Menschen Energie und Chancen der Lebensgestaltung nehmen.

Im vorletzten Teil ging es darum, wie wir unsere Sichtbarkeit und Wirksamkeit als Netzwerk erhöhen. Diesen Teil gestalteten Judith Mahnert und Mo Linne aus der Care Revolution-Regionalgruppe Leipzig. Sie benannten vor allem eine gewisse Homogenität des Netzwerks: Weiß, relativ akademisch, relativ alt, relativ westdeutsch. In den Kleingruppen entspannen sich gleichzeitig Gespräche dazu, wie zutreffend die Diagnose ist, wie zu Schritten, etwas daran zu ändern. Beispiele für beides: „Die einzelnen Gruppen sind meist altersmäßig und teils auch politisch recht homogen, gruppenübergreifend ist die Diversität im Netzwerk größer“. „Bei unserer Zusammenarbeit mit anderen an konkreten Themen etwa zur Unterstützung bei psychischen Krisen entstehen Verbindungen zu z.B. Migrant*innen durch das gemeinsame Thema.“ „Ältere müssen sich auf produktive Verunsicherung durch Jüngere einlassen – und umgekehrt. Wir brauchen Neugier aufeinander.“

Schließlich ging es noch wie immer um netzwerkinterne Berichte und Verabredungen. Unterm Strich: Ein Tag konzentrierter Arbeit vor dem Computer ist, wenn intensiv gemeinsam gearbeitet wird, anstrengend. Gleichzeitig hat sich die Anstrengung gelohnt. Am Ende des Treffens waren manche Teilnehmer*innen fliegende Flundern – platt, aber beflügelt. Ermutigend ist auch, dass Ideen in den Raum gestellt wurden, die dort nicht stehen bleiben und einstauben. Denn es gibt Initiativen und Gruppen, die sie aufgreifen und nutzen.

Ein Bericht von Matthias Neumann

Solidarische Betreuungsinseln für den Kita-Streik. Ein Erfahrungsbericht aus Berlin 17. März 2026