Soziale Bewegungen für den Aufbau öffentlicher Care-Systeme in Lateinamerika

Beitrag in der Reihe Perspektiven von Jana Vasil’eva

Jana Vasil’eva ist Gründerin des Care Netzwerks in Mexiko und aktives Mitglied von Yo Cuido México, das sich aus Organisationen, Gruppen, feministischen Aktivist*innen, Care Arbeitenden, Akademiker*innen zusammensetzt, die daran interessiert sind, eine Agenda für soziale Gerechtigkeit aufzubauen, die Care in ihren Mittelpunkt stellt.

Wenn du mehr über die Politisierung von Care in Mexiko erfahren willst, laden wir dich dazu ein, hier reinzuschauen: 24/7. De la reflexión. la acción, por un Mexico que Cuida (PDF, spanisch)

Foto: Taller de diseño Traficantes de Sueños. Publiziert unter Creative Commons Lizenz von ONU Mujeres/Allison J. Petrozziello

Lateinamerika ist eine Region, die von starker sozialer Ungleichheit geprägt ist. Die Ungleichheit hat viele Gesichter: den Reichtum einiger sehr weniger gegenüber der Armut der vielen, fehlende Bildungschancen – denn Bildung ist teuer in Lateinamerika -, unzureichende und fragmentierte Gesundheitssysteme und nicht vorhandene soziale Sicherungssysteme. Hinzu kommen Rassismus, Gewalt, insbesondere gegen Frauen, Indigene, Afrolatinas/os oder Angehörige sexueller Minderheiten sowie ein hohes Maß an Kriminalität. Starke  Migrationsbewegungen aus Zentralamerika und Mexiko in Richtung USA und aus Venezuela in Richtung Kolumbien, Chile oder Peru sind nicht zuletzt eine Folge der vielfältigen sozialen Probleme, welche die Lebensverhältnisse weiter Bevölkerungsteile beeinträchtigen.

Die Coronavirus-Pandemie hat auf beispiellose Weise die soziale Unsichtbarkeit der Sorgearbeit in den Volkswirtschaften der lateinamerikanischen Region deutlich gemacht und die Prekarität der bezahlten Care-Arbeitenden, sowie die zentrale Bedeutung der unbezahlten Care-Arbeit, aufgezeigt. So verstärken sich die sozialen und öffentlichen Debatten um das Recht auf Care. Zugleich erfordert die Bekämpfung der Ungleichheit zwangsläufig, sich mit einer der grundlegenden und gleichzeitig unsichtbarsten Säulen der Gesellschaft zu befassen: der Care-Ökonomie.

Hier sind derzeit interessante Entwicklungen zu beobachten, denn die Region ist auch der Vorreiter des Globalen Südens im Unterfangen, öffentliche Care-Systeme einzuführen. Der Ansatz im Aufbau der Care-Systeme besteht darin, ein aufeinander abgestimmtes Angebot von Care-Dienstleistungen und Infrastruktur zu erschaffen sowie gesellschaftliche Zeit für Care einzuräumen. Die langfristige Vision ist die Errichtung von universell zugänglichen sozialen Existenzsicherungssystemen. 2015 hat Uruguay hierfür den Grundstein gelegt und viele Länder sind dabei, nachzuziehen: So wird derzeit in Argentinien, Kolumbien und Mexiko analysiert und diskutiert, wie solche Systeme im Kontext dieser deutlich bevölkerungsreichen Länder und komplex gestalteten Volkswirtschaften eingeführt werden könnten.

Politisierung von Care in Mexiko

In Mexiko wird Care nicht als Recht anerkannt. Laut dem statistischen Bundesamt wendet die Bevölkerung ab 12 Jahren die Hälfte ihrer Gesamtarbeitszeit für unbezahlte Arbeit auf, d. h. 2.796 Millionen Stunden pro Woche. Die Personen, die diese Arbeit ausführen, bekommen kein Gehalt für diese Arbeit, sie haben keine Arbeitsrechte oder soziale Absicherung, sie erhalten keine Ausbildung,  weder ihre körperliche, geistige und seelische Gesundheit noch genügend Ruhe und Zeit für Muße sind ihnen als Recht zugestanden. Drei Viertel der Arbeitszeit, die im Land für diese Aufgaben aufgewendet werden, werden von Frauen, Mädchen und Jugendlichen geleistet; noch mehr, wenn sie in prekären Lebensverhältnissen leben.  Eine Bewegung aus Aktivist*innen, Politiker*innen, Akademiker*innen und Kollektiven bringt Care-Themen in die öffentliche und politische Debatte ein.  Sie hat erreicht, dass in der Verfassung von Mexiko-Stadt im Jahr 2018 das Recht auf Care und Zeit festgeschrieben wurde. Dieser historische Schritt ermutigte eine breiter aufgestellte Bewegung „für ein Mexiko, das sorgt“ (span.: „Por un México que cuide“). 2019 konsolidierte sich das Kollektiv Yo Cuido México, das unbezahlte Care Arbeiter*innen aus verschiedenen Bundesstaaten der Republik zusammenbringt. Dieses Kollektiv ist Teil einer überregionalen Bewegung mit Präsenz in Chile und Peru. Der 10. November 2019 wurde zu einem historischen Tag im Kampf um das Recht auf Care. An diesem Tag organisierten Hunderte von Menschen in verschiedenen Städten dieser Länder Demos, um ihre politischen Stimmen zu erheben und die Sorgearbeit sichtbar zu machen sowie ihr Recht auf ein gutes Leben einzufordern. Seitdem sind wichtige Errungenschaften hinzugekommen: Im Fall Mexikos bildete sich im Dezember 2019 die Koalition für das Recht auf Sorge in Würde und auf eigene Zeit ( span.: „Coalición por el Derecho al Cuidado Digno y Tiempo Propio“), ein Bündnis von Care-Arbeitenden, Aktivist*innen, Feminist*innen, Wissenschaftler*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, um eine Reform der nationalen Verfassung anzustoßen. Am 18. November 2020 stimmte das Parlament einstimmig der Reformierung des vierten und 73. Artikels der Politischen Verfassung der Vereinigten Mexikanischen Staaten zu, um das Recht auf Care und eigene Zeit verfassungsrechtlich wirksam zu machen und die Schaffung eines Nationalen Care-Systems anzustoßen. Diese Reform befindet sich nun in der Warteschleife zur Abstimmung im Senat.

Gleichzeitig organisieren mehrere Bündnisse Reflektions- und Resonanzräume, um Veränderungen in der Konzeption und Praxis von Care als gesellschaftliche, kollektive und unverzichtbare Angelegenheit voranzutreiben. Unter anderem politisiert Escucha con Cuidado Care, indem sich unbezahlte Care Arbeiter*innen Gehör verschaffen – denn Care in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet zu erkennen, dass Care Politik aus der Praxis heraus entwickelt wird. Das heißt, dass die  gesellschaftliche Neuorganisation von Care kein rein theoretisch begründeter Prozess sein soll. Vielmehr erfordert sie einen weit gefassten sozialen Dialog und ein engagiertes Zuhören aller Beteiligten. Die Erfahrung und das Wissen der Menschen, die heute intensive Care Arbeit leisten, sind unverzichtbar für den Aufbau einer solidarischen Gesellschaft.

Diese Handlungshorizonte sind voller Herausforderungen und es besteht ständig das Risiko des Rückschritts. Während ich diese Zeilen schreibe, befindet sich Lateinamerika weiterhin in einer Notsituation aufgrund der Pandemie. Die Volkswirtschaften werden von einer beispiellosen Gesundheitskrise getroffen, viele Regierungen in der lateinamerikanischen Region fahren öffentliche Ausgaben als Reaktion auf die Wirtschaftskrise zurück. Das noch junge Care-System Uruguays steht an einem kritischen Punkt und könnte aufgelöst werden. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Frauen mit ihrer Zeit und mit ihren Körpern die Vertiefung der Krise mittels der unbezahlten Care Arbeit innerhalb und außerhalb des Haushalts abfedern, um die gesellschaftliche Reproduktion aufrecht zu erhalten.  In diesem Sinne ist der Kampf für öffentliche Care Systeme kein punktuelles Anliegen, sondern Teil eines historischen Kampfes, der auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Regionen geführt wird; ein feministischer Kampf gegen soziale Ungleichheiten und für solidarische Gesellschaften, in denen die Erhaltung des Lebens im Mittelpunkt steht.

#PorUnMéxicoQueCuide