Halbjährliches Netzwerktreffen am 19.11.22

Am Samstag, den 19. Novemberfindet unser nächstes bundesweites Netzwerktreffenstatt. Alle Menschen, die im Netzwerk Care Revolution aktiv sind, die mit ihm sympathisieren oder die neugierig auf das Netzwerk sind, sind herzlich eingeladen. Nach den guten Erfahrungen der letzten Male wird das Treffen wieder virtuell stattfinden, von 10:30 Uhr bis 17 Uhr, mit einer Mittagspause zwischen 13:30 Uhr und 14:30 Uhr. Für alle, die noch nicht (so recht) mit den Grundsätzen und der Arbeitsweise des Netzwerks Care Revolution vertraut sind, gibt es eine Einführung von 10:00 Uhr bis 10:30 Uhr geben. weiterlesen

#CAREelevant – Der Care Revolution Podcast

CAREelevant – Der Podcast

In unserer Podcast-Reihe #CAREelevant kommen Menschen zu Wort, die bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit leisten oder auf diese Arbeit angewiesen sind. Sie berichten, wie sich ihre Arbeit und ihr Alltag in der Corona-Pandemie verändert haben und welche gesellschaftlichen Wege aus und nach der Krise sie sich wünschen. weiterlesen

Eine Chance am Ausgang der Corona-Krise? Für eine grundlegende Veränderung des Gesundheitssystems streiten

Beitrag in der Reihe Perspektiven von Matthias Neumann (aktiv bei Care Revolution Freiburg und im Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg.) (Beitrag als PDF)

Anmerkung der Redaktion des Perspektiven-Blogs der Care Revolution-Webseite: Wir freuen uns sehr über weitere Einschätzungen der Lage, kollektives Nachdenken und gemeinsames Schärfen der Analyse. Daher laden wir Euch herzlich dazu ein, die Anregung zur Diskussion in diesem Text aufzugreifen und Debattenbeiträge für den Blog zu verfassen (Hinweise).

Es ist – zu Recht und glücklicherweise – in den letzten Tagen und Wochen oft betont worden, dass das Gesundheitssystem dieses Landes schon vor der Corona-Krise an der Grenze seiner Funktionsfähigkeit operierte. Noch erhält der Einsatz der Beschäftigten es aufrecht, aber auch diese erkranken, die Erschöpfung nimmt zu, und die materiellen Kapazitäten lassen sich, nachdem sie an einen so tiefen Punkt hinuntergefahren worden sind, nicht beliebig schnell aufstocken. In Ländern wie Italien oder Spanien ist die Grenze der Funktionsfähigkeit offensichtlich bereits überschritten und auch in Deutschland droht eine Überlastung des Gesundheitssystems mit dramatischen Folgen.

 

Menschen vor Profite, Foto: privat

Fatale Gesundheitspolitik

Ich möchte hier nicht erneut die Mängel in den deutschen Krankenhäusern umfassend darstellen, jedoch sei an Hand von wenigen Fakten demonstriert, wie die Politik, die jetzt angesichts des Corona-Virus mit dem Krisenmanagement betraut ist, diese Mängel erzeugt hat:

Während die Zahl des nichtärztlichen Krankenhauspersonals  von 1991 bis 2017, auf Vollzeitstellen umgerechnet, um 4.1% sank, nahm die Zahl der behandelten Fälle in diesem Zeitraum um 33.4% zu (Destatis 2018: Grunddaten der Krankenhäuser 2017. S. 11/12. Eigene Berechnung). Diese Patient_innen verblieben deutlich kürzer im Krankenhaus, so dass zwar die Zahl der belegten Betten sank, aber die Betreuungsintensität durch den hohen Anteil frisch operierter Patient_innen stieg. (Dass das deutsche Gesundheitssystem hier schlecht aufgestellt ist, zeigt auch der OECD-Vergleich der Pflegekräfte je Belegungstag, der die Liegezeit berücksichtigt. Hier liegt Deutschland auf dem letzten Platz. Bertelsmann Stiftung 2017: Pflegepersonal im Krankenhaus; S. 3.) Die Zahl der Betten je Einwohner_in sank in diesem Zeitraum um 28% (Destatis 2018: Grunddaten der Krankenhäuser 2017. S. 11. Eigene Berechnung). Auch die Zahl der Krankenhäuser ist in diesem Zeitraum durchweg rückläufig. Für eine weitere deutliche Verringerung der Zahl der Krankenhäuser um mehr als die Hälfte und auch der Betten hat sich erst vor Kurzem

eine Studie des IGES-Instituts im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung weiterlesen

Feministische Klassenpolitik – Care Revolution bei einem internationalen Vernetzungstreffen

Bericht von Jette Hausotter & Kristin Ideler

Logo der „Summerschool Feminist Class Politics Belgrade 2018“, Foto: Jette Hausotter

Vom 30.9. bis 4.10.2018 fand in Belgrad ein internationales Austausch- und Vernetzungstreffen für Feminist*innen und LGBTIQ in linken sozialen Bewegungen statt. Es nahmen etwa 90 Menschen aus vielen Ländern Ost-, Süd- und Westeuropas sowie aus Russland, USA und einigen lateinamerikanischen Ländern teil. Eingeladen hatte die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die auch Kooperationspartnerin des Care Revolution Netzwerkes ist. Aktive unseres Netzwerkes waren in verschiedenen Workshops vertreten.

Hintergrund und Ziel des Treffens
Teilnehmende des Treffens; Foto: Iva Janković und Minja Pavlović (All rights reserved)

Die Organisator*innen verwiesen in ihrer Einladung auf das derzeitige Erstarken von rechten Regierungen und rechtspopulistischen Politiken, die sich selbst als Antwort auf die Zumutungen des Neoliberalismus darstellen und dabei rassistische, sexistische und klassistische Spaltungen in der Gesellschaft vorantreiben. Gleichzeitig gebe es derzeit vielfältige Gegenbewegungen und gerade gegen die Angriffe auf Frauen*- und LGBTIQ-Rechte gibt es weltweit immer öfter sehr große und erfolgreiche feministische Mobilisierungen. Vor diesem Hintergrund sollte das Treffen auf verschiedenen Feldern stattfindende feministische Kämpfe um Care-Arbeit, Ökonomie, Ökologie und Körperpolitiken zusammenbringen. Das Ziel: voneinander lernen, um Feminismus und LGBTIQ-Themen in den diversen linken Bewegungen und politischen Handlungsfeldern zu stärken, in denen die Teilnehmenden aktiv sind. Das sehr große und sehr intensive Treffen bot außerdem eine tolle Gelegenheit, um transnationale Netzwerke und Praxen zu entwickeln, insbesondere zwischen Ost und West.

Feministische Klassenpolitik als vielfältige Emanzipationsbewegung: eine Antwort auf die Krise sozialer Reproduktion
Aktivismusausstellung im Foyer, Foto: Jette Hausotter

Wir erleben in der EU und den EU-Beitrittsländern derzeit eine neoliberale Wirtschaftspolitik, die auf Einsparungen in allen sozialen Bereichen setzt und die besonders zu Lasten von Frauen und von ausgegrenzten oder marginalisierten Gruppen geht. Auf der Tagung haben verschiedene Autor*innen ihre sehr empfehlenswerten Länderstudien zu den Auswirkungen dieser Austeritätspolitik auf Frauen vorgestellt. Feministische Klassenpolitik wurde auf der Tagung als eine explizite Gegenbewegung zu dieser Austeritätspolitik eingeführt. Barbara Fried vom Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Aktive im Care Revolution Netzwerk, betonte in diesem Zusammenhang, dass eine feministische Klassenpolitik danach strebt, die Krise sozialer Reproduktion zu überwinden und alle Herrschaftsverhältnisse aufzuheben. Auf der Tagung wurde dieser „intersektionale“ Ansatz gleich praktisch umgesetzt, indem ein sehr vielfältiges Spektrum an Erfahrungen, Lebensrealitäten und Kämpfen vertreten war. Von regional und gesellschaftlich ganz verschiedenen linken (queer-)feministischen Standpunkten ausgehend – dabei aber ganz überwiegend mit praktischem, aktivistischem Hintergrund – wurden rechtliche und soziale Fragen und verschiedene Herrschaftsverhältnisse analysiert. Jeder Tag stand im Zeichen eines Schwerpunktes.

Am ersten Tag standen verschiedene Bereiche feministischer Klassenpolitik im Fokus und es gab Workshops zu Intersektionalität, zu feministischer Ökologie, und zu feministischer Ökonomiekritik. Am zweiten Tag ging es um Arbeit und Austerität. In den Workshops wurden verschiedene feministische Organisierungen in der bezahlten und unbezahlten Arbeit vorgestellt: Frauenstreiks in Spanien und Lateinamerika, Frauenpolitik in Gewerkschaften in Deutschland, Kroatien und Mazedonien sowie Arbeitskämpfe in der prekären Lohnarbeit (hierunter Krankenpflege in Kroatien, Textilbranche in der Ukraine, undokumentierte migrantische Frauenarbeit in Griechenland). Der dritte Tag hatte „Reproductive Justice“ (dt.: reproduktive Gerechtigkeit) zum Thema. Dieser in den USA von Schwarzen Feministinnen geprägte Begriff bedeutet eine Verbindung von reproduktiven Rechten, insbesondere dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch, mit sozialen Rechten, z.B. der Unterstützung von Eltern und Kindern unabhängig von sozialer Herkunft. In den Workshops ging es um linke Ansätze gegen geschlechtsspezifische Gewalt, Kämpfe für Abtreibungsrechte, Ansätze für die Verbesserung der Situation von Care-Arbeitenden und Care-Empfangenden sowie um LGBTIQ-Rechte und eine emanzipatorische Familienpolitik.

Eine linke Feminisierung der Politik bedeutet eine radikale Demokratisierung
Podiumsveranstaltung „Feminization of politics“, Foto: Kristin Ideler

Ein Querschnittsthema war die Frage, welche Erwartungen die Teilnehmenden in eine Feminisierung der Politik setzen. Dazu gab es eine Filmvorführung von „Alcaldessa – Ada for Mayor“, eine Dokumentation über den Wahlkampf der jetzigen Bürgermeisterin Barcelonas Ada Colau von der Liste “Barcelona en Comú“. Dies ist eine Plattform lokaler sozialer Bewegungen, die radikaldemokratische, feministische Politik in die Institutionen bringen wollen. Der Film zeigt zwar den Wahlerfolg von Colau, aber auch die Hürden, mit denen sich eine kooperative politische Organisierung in der repräsentativen Demokratie auseinandersetzen muss und die sexistischen Strukturen, gegen die eine Feminisierung der Politik ankämpft.

Zum gleichen Thema fand an einem Abend eine öffentliche Podiumsveranstaltung in einem alternativen Kulturzentrum in Belgrad statt. Es diskutierten: Sarah Leonard (Women’s Strike, USA), Jelena Miloš (Zagreb je NAŠ, Kroatien), Ángela Rodríguez “Pam” (En Marea – Unidos Podemos, Spanien) und Helena García Jiménez (Barcelona en Comú, Spanien). Dabei wurde deutlich, dass eine linke Feminisierung der Politik nicht einfach heißt, mehr Frauen in politischen Ämtern zu haben, sondern eine Veränderung des patriarchalen Charakters von Politik durch Formen radikaler Demokratie: horizontal statt hierarchisch, inklusiv statt kompetitiv, Care ins Zentrum auch des eigenen Handelns zu rücken, z.B. durch Rücksicht auf Sorgearbeitspflichten der Aktivist*innen.

Sorgearbeit im Zentrum einer feministischen Klassenpolitik
Eindruck von einem Workshop, Foto: Jette Hausotter

Während der fünf Tage wurden viele Themenstränge gekreuzt, aber notwendigerweise auch parallel vertieft. Ein Strang widmete sich beispielsweise dem aus einer linken feministischen Sicht heraus notwendigen Paradigmenwechsel in Ökonomie und Politik, für den auch das Care Revolution Netzwerk steht.

Die feministische Ökonomin und Aktivistin Sandra Ezquerra aus Barcelona kritisierte in ihrem Vortrag, dass die vorherrschenden Wirtschaftswissenschaften die unbezahlte Sorgearbeit völlig unzureichend behandeln und forderte, die soziale Reproduktion ins Zentrum ökonomischer Analyse und Politik zu stellen. Sie zeigte Daten aus Spanien zur unterschiedlichen Zeitverwendung von Männern und Frauen und verwies auf den Zusammenhang mit der ungleichen Verteilung von Einkommen und gesellschaftlicher Teilhabe. Im Hinblick auf das politische Handeln berichtete sie davon, wie unter der aktuellen Regierung von „Barcelona en Comú“ eine Demokratisierung von Sorgearbeit angestrebt wird. Dabei bezog sie sich auf eine von ihr mit verfasste Auftragsstudie der Regierung samt Handlungsempfehlungen: Die lokale Care-Politik wurde dazu in der Wirtschafts- statt in der Sozialverwaltung angesiedelt. Das Ziel ist es, Menschen als Care-Gebende und Care-Empfangende im Lebensverlauf zu unterstützen. Außerdem sollen langfristig solidarische Modelle der Verteilung von Arbeit, Wohlfahrt und Teilhabe etabliert werden, beginnend mit dem Ausbau sozialer Infrastrukturen und einer verstärkten Aufmerksamkeit für Sorgearbeit als Fundament der Gesellschaft.

Diese Themen wurden dann in einem Workshop vertieft (“The work that makes all work possible” – Feminist struggles around care work”), in dem Jette Hausotter aus Berlin das Care Revolution Netzwerk als Organisierungsansatz vorstellte. Außerdem stellte Rafaela Pimentel aus Spanien die Selbstorganisation von Hausangestellten

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Sorge ins Zentrum einer Alternative zum Kapitalismus

Beitrag in der Reihe Perspektiven vom Autor_innenkollektiv Werkstatt Care Revolution (Text als PDF)

Dieser Text ist aus der Werkstatt, die das Netzwerk Care Revolution einmal jährlich in Buchenbach durchführt, in Gemeinschaftsarbeit entstanden. Wir freuen uns über Reaktionen auf unser Papier.

Erreichbar sind wir als Autor_innenkollektiv unter care-revolution@riseup.net.

Stand: 5.Juli 2017

 

Unter dem Begriff der Care Revolution entstand in den letzten Jahren eine Bewegung, die Sorgetätigkeiten zum Ausgangspunkt für gesellschaftliche Transformation nimmt. Unter Sorge – dieses Wort verwenden wir synonym zu Care – verstehen wir beispielsweise Pflegen, Trösten, Kochen, Betreuung oder Beratung, kurz gesagt all jenes, womit sich Menschen um das Wohlergehen und die persönliche Entwicklung anderer Menschen oder auch der eigenen Person (Selbstsorge) kümmern. Sorge ist von zentraler Bedeutung, denn eine soziale und solidarische Gesellschaft lebt vom Bezug der Menschen aufeinander.

1. Sorge hat im Kapitalismus keinen Platz

Die Hamburger Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker sprach nach 2007 von sozialer Reproduktion in der Krise. Sie kritisierte die damals aktuelle Debatte um die Ursachen und Folgen der Finanzkrise, die Krise ausschließlich auf Banken, Märkte oder den Euro bezog. Stattdessen betonte sie, dass, um die Kapitalverwertung zu sichern, die Löhne und die staatlichen Sozialausgaben gesenkt wurden und damit vielen Menschen Zeit und/oder Geld für Sorgetätigkeiten fehlen.

Denn Neoliberalismus als Dreiklang aus Liberalisierung, Privatisierung und Sparpolitik führt zu einer doppelten Privatisierung von Sorgetätigkeiten: Einerseits setzt sich im Neoliberalismus die Übertragung ehemals öffentlicher Pflege- und Betreuungsaufgaben an renditeorientierte Unternehmen immer weiter durch. Andererseits bewirken damit einhergehende steigende Kosten für die einzelnen Menschen aufgrund dieses staatlichen Rückzugs, dass insbesondere Frauen sich verstärkt privat um die Betreuung, Hege und Pflege ihrer Kinder und älteren Angehörigen kümmern. Wo Sorgetätigkeiten zur Ware werden, ist dies in der Regel verbunden mit für Beschäftigte nicht selbstbestimmt gestaltbaren flexiblen Arbeitszeiten und schlechter Entlohnung.

Darüber hinaus bewirken neoliberale Politiken eine generelle Umverteilung zugunsten der ohnehin schon Reichen und zulasten von Lohneinkommen und staatlichen Transferleistungen. Gleichzeitig kommt es aufgrund des Wachstumszwangs zu einer umfassenden Einbeziehung aller Bereiche in die Profitlogik; eine der Folge ist die Zerstörung von Commons im Globalen Süden, also von Wäldern, Fischgründen, Weideflächen usw. als Grundlage für traditionelle Möglichkeiten einer Existenzsicherung ohne Marktbeziehungen (Subsistenz). Die jüngste Zahl von Oxfam, wonach 2016 acht Männer über so viel Vermögen verfügten wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, ist nur ein extremer Ausdruck dieser Ungleichverteilung.

Doch das Problem heißt nicht nur Neoliberalismus. Die im Kapitalismus strukturell un- oder schlecht bezahlte Care-Arbeit ist der Nährboden für privatisierten Profit. Von der Subsistenztheoretikerin Maria Mies stammt ein in der feministischen Ökonomie oft verwendetes Bild, wonach die sichtbare Ökonomie, also die über Warenproduktion und Geld vermittelte Wirtschaft, nur die aus dem Wasser ragende Spitze eines Eisbergs darstellt, während der größere Teil des Eisbergs, bestehend aus der unentgeltlichen Nutzung von Sorgetätigkeiten, Naturressourcen und (vor allem im Zuge postkolonialer Ausbeutung) Subsistenzarbeit, ohne Gegenwert in den Profit einfließt.

Aber auch bei der Kritik am Kapitalismus kann nicht stehen geblieben werden – denn ein großer Teil seiner Negativfolgen liegt bereits in der Tauschlogik selbst begründet: Die Vorstellung, gleiche Werte tauschen zu können, wird immer nachteilig für diejenigen sein, die wenig oder nichts zum Tausch anzubieten haben.

Die begrenzte Rationalisierbarkeit und damit die bei Sorgearbeit hohe Bedeutung von Niedriglöhnen für die Profitabilität führten historisch immer dazu, dass diese an unterprivilegierte Bevölkerungsteile ausgelagert wurde. Hierdurch wesentlich begünstigt wurde eine gesellschaftliche Sphärenspaltung in eine männlich konnotierte Produktion und eine weiblich zugeschriebene Reproduktion. Wer verstehen und beschreiben will, wie eine Gesellschaft sich organisiert, muss sie als Ganzes in den Blick nehmen. Es gilt, auch danach zu fragen, wie Menschen die Arbeit der Reproduktion organisieren und verteilen – eine Frage, die allzu oft aus der Analyse ausgespart wird. So wird dieses Feld unsichtbar gemacht, seine Geschichtlichkeit und Kontextabhängigkeit werden negiert und die hier herrschenden Arbeitsteilungen als quasi natürlich und gegeben erklärt. Dies wiederum geht mit der Entwertung all derjenigen Sorgetätigkeiten einher, die kein Einkommen generieren.

Dabei ist wichtig, auch das aktive Mittun der jeweils von der Reproduktion Freigestellten mitzudenken, also von Männern gegenüber Frauen, aber auch von Weißen gegenüber Schwarzen oder, wie heute zunehmend, von Menschen mit einem Pass, der ‚mehr wert‘ ist als jener von Migrant_innen in internationalen Sorgearbeitsketten. Dies ist etwa der Fall, wenn zum Beispiel hierzulande ‚günstig‘ Polinnen für Pflegearbeit eingestellt werden und diese darum ihre eigenen Kinder anderen Frauen aus noch weiter östlich liegenden, ärmeren Ländern überlassen. Auch wenn in Haushalten insbesondere Frauen tätig sind, sind auch gegenläufige Prozesse zu beobachten, wenn zum Beispiel Migranten männlichen Geschlechts aufgrund fehlender anderer Jobgelegenheiten hierzulande Putztätigkeiten übernehmen.

Mit dieser vergeschlechtlichten, rassifizierten und/oder klassistischen (also Schichtunterschiede ausnutzenden) Arbeitsteilung geht aber nicht nur einfach die Zuweisung schlecht oder nicht entlohnter Arbeit an Menschen einer bestimmten Identitätskategorie einher. Zugleich werden solche Identitätskategorien häufig erst in diesem Prozess geschaffen.

Der in diesem Prozess ebenfalls erst entstandene Nationalstaat ist zutiefst funktional für die Aufrechterhaltung des Kapitalismus. Dem Staat kommt dabei die Aufgabe zu, die allgemeinen Produktionsbedingungen zu sichern. Dazu gehört auch, die Folgen einer Wirtschaftsweise abzumildern, die sich allein am Profit orientiert. Sogenannte sozialstaatliche Errungenschaften sind nicht selbstverständlich und es gilt sie zu verteidigen; sie sind in harten Kämpfen erstrittene Zugeständnisse und Kompromisse. Gleichwohl: Sie dienen letztendlich der Befriedung von Konflikten. Dem Sozialstaat wohnt zudem eine disziplinierende Funktion inne. Wer Leistungen in Anspruch nimmt, muss ordentlicher Staatsbürger sein, Regeln befolgen, sich einem bestimmten Geschlechterregime unterwerfen usw. Solche Entscheidungen werden auch in der Zivilgesellschaft verhandelt. Doch letztlich gilt auch hier: Wer ohnehin schon systematisch privilegiert ist, verfügt auch über mehr und machtvollere Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen.

Dazu kommt, dass Widerstände vielfach integriert werden, auch indem emanzipatorisches Begehren aufgegriffen wird und sich Subjektformen entsprechend entwickeln. So erhöht die gelungene Selbstverwirklichung den Marktwert, und wir tragen längst nicht mehr nur unsere Haut zu Markte, sondern auch unsere Persönlichkeit, unsere Interessen und unsere Kreativität. Unsere Fähigkeit, uns zu verbiegen, ohne zu brechen (Neusprech: Resilienz), psychisch stabil zu bleiben sowie rasch zu regenerieren, sind Voraussetzungen unserer Beschäftigungsfähigkeit´. Auch in diesem Sinne sind wir angerufen, uns permanent zu optimieren. In neoliberalen Verhältnissen scheinen uns diese Zumutungen zum eigenen Bedürfnis zu werden.

Diese Form des als Entfremdung beschreibbaren Zusammenhangs wird in der Care-Arbeit am offensichtlichsten. Der Zwang zur Konkurrenz untereinander verhindert, sich entlang der eigenen Werte, Bedürfnisse und Fähigkeiten einzubringen. So wie es heute aus finanziellen Gründen vielfach nicht möglich ist, biologische Lebensmittel anzubauen, auch wenn es jemand leidenschaftlich gerne tut, so bedroht es häufig akut die eigene Existenzsicherung und bedeutet für viele Frauen Altersarmut, wenn sie über Monate und Jahre hinweg die eigene Mutter pflegen.

Insgesamt können wir festhalten, dass die gegenwärtige grundlegende Überforderung von Menschen besonders dort, wo es um Sorge und Sorgebedürftigkeit geht, kein Ausdruck je individuellen Versagens ist. Die Möglichkeit gelingender Sorgebeziehungen und gelingender Selbstsorge ist systemisch beeinträchtigt. Gelingende Sorge und allgemein gutes Leben erfordern andere ökonomische Beziehungen und eine andere Produktionsweise. Erforderlich ist eine Gesellschaft ohne äquivalenten Tausch, organisiert nach Bedürfnissen und Fähigkeiten.

2. Eine gesellschaftliche Alternative ist denkbar weiterlesen

Grundeinkommen und Care-Arbeit

Beitrag in der Reihe Perspektiven von Ronald Blaschke

Auf dem Netzwerktreffen im Oktober 2017 wurde als Schwerpunkt die Verknüpfung von Care-Bewegung und Grundeinkommensbewegung diskutiert. Aus diesem Anlass verweisen wir gerne auf einen Text zu diesem Thema, der im Dezember 2014 in „Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich“ erschienen ist: Grundeinkommen und Care-Arbeit.

Für ein Bündnis von Care Revolution und Degrowth – Teil I

Beitrag in der Reihe Perspektiven von Sabine Carl und Mike Korsonewski (Artikel als PDF).

Unser Dank gilt allen Aktiven und Teilnehmenden des Symposiums „Ein Gutes Leben für Alle? Postwachstum meets Gender“, besonders für diesen Artikel Dieter Schmidt und Mike Laufenberg, als auch den Kommunard*innen und Kollektivist*innen aus Niederkaufungen. Weiterhin danken wir dem Redaktionskollektiv dieser Seite für die redaktionelle Hilfe. Wir freuen uns über eine kritische Auseinandersetzung mit weiteren Interessierten.

https://www.flickr.com/photos/usgsbiml/8405820653. Quelle: USGS Bee Inventory and Monitoring Lab. Lizenz: Public Domain Mark 1.0. Hinweis: Das Original wurde graphisch nachbearbeitet.
Logo des Symposiums „Ein Gutes Leben für Alle? – Postwachstum meets Gender“ Quelle: USGS Bee Inventory and Monitoring Lab. Lizenz: Public Domain Mark 1.0. Das Original wurde graphisch nachbearbeitet.

Care Revolution und Degrowth sind zwei Antworten auf ein krisengeschütteltes System. Es ist strategisch bedeutsam und clever, auszuloten, welche Verbindungslinien die Bewegungen aufweisen, wo sie sich unterscheiden und wie sie sich solidarisieren und ggf. verbünden können, um gemeinsam an der Vision eines „Guten Lebens für Alle“ zu arbeiten.

Wir schließen dabei an einen bereits gestarteten Dialog an: So berichtete Jette Hausotter im März 2014 auf dem degrowth-blog von der Aktionskonferenz, auf der das Netzwerk gegründet wurde, und im Juni 2016 beantworteten Matthias Neumann und Gabriele Winker  die Fragen der degrowth-Redaktion im Rahmen der Serie Degrowth in Bewegung(en). Auch das troubleeverydaycollective, hat sich in diesem Rahmen zum Thema Care bzw. Reproduktionsarbeit und Postwachstum geäußert und dabei u.a. auf die Care Revolution Bezug genommen. Das Jahr 2017 wartet unter anderem mit der Konferenz Care & Postwachstum des Konzeptwerks Neue Ökonomie  vom 17. bis 19. November in Leipzig auf.

Im Juli 2016 fand in Berlin ein Symposium statt, dass sich unter dem Titel „Ein Gutes Leben für Alle? – Postwachstum meets Gender“ der Frage der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse im Postwachstum widmete. Die Autor*innen waren selbst Teil des Organisationsteams und Referent*innen an diesem Tag. Wissenschaftler*innen aus dem universitären Betrieb, Forscher*innen und Multiplikator*innen aus der Praxis und Aktivist*innen aus verschiedenen wachstumskritischen und/oder alternativen Sorge-Strukturen trafen sich zum gemeinsamen Austausch über das, was wir als Praxen des Postwachstums bezeichnen. Zentrale Fragen nach Verteilungsgerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit wurden mit Fragen nach Geschlechtergerechtigkeit besprochen. Geschlechtergerechtigkeit ist hierbei ein von den Organisator*innen gewählter Begriff, der als gleichsam wichtiger strukturpolitischer Wegpunkt, aber auch als Zwischenstation hin zu einer symbolisch-normativen Neuordnung mit dem Ziel der Auflösung der heteronormativen, binären Idealisierung von ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ zu verstehen ist.

Als Einstieg in eine Artikelserie wenden wir uns mit dem Blick der Care Revolution möglichen Alternativen in der erwerblichen Pflegearbeit zu und diskutieren Zugänge der Kollektivierung von Für-/Sorge anhand zweier Beispiele.  Diese wurden auf dem ersten Podium des Tages: „Care jenseits von Wachstum – am Beispiel der Pflegearbeit“ vorgestellt und nach deren Alternativcharakter zur Pflege im Alter befragt. Nach einer Zusammenfassung des Podiums skizzieren wir beispielhaft, wie die Neuorganisierung von Sorgearbeit in der Pflege funktionieren kann. Die praktische Umsetzung alternativer Care-Modelle sollte hierbei in den sozialen, örtlichen und wirtschaftlichen Spannungsfeldern, in denen die besprochenen Projekte be-/stehen, analysiert werden. Sie alle haben mit den neoliberalen Umstrukturierungen des Wohlfahrtsstaates direkt zu tun, was die genannten Spannungsfelder stark mitbestimmt.

Ein Zusammendenken von Care Revolution und wachstumskritischen Analysen und Forderungen erscheint uns aus verschiedenen Beweggründen notwendig: (1) Es ist wichtig der stetigen Verlagerung von sorgenden Arbeiten in private Haushalte, zumeist zu Lasten von Frauen* mit oder ohne Staatbürger*innenschaft, und darüber hinaus der ‚Verehrenamtlichung‘ von Care als Folge des Abbaus allgemein zugänglicher (öffentlicher) Infrastrukturen, entgegenzutreten, (2) Sorgearbeiten und die gesellschaftliche Stellung von Care muss aufgewertet werden und gehören ins Zentrum bedürfnisorientierten, wirtschaftlichen Handelns, (3) kollektive Versorgungs- und Fürsorgemodelle können Handlungsstrategien bieten, um dies zu erreichen, (4) doch auch diese Modelle sind ebenso von den Herrschaftsverhältnissen betroffen bzw. müssen Stellung beziehen, um sie nicht mitzugestalten. Diese Diskussion wird im zweiten Teil der Artikelserie weitergeführt, um konkrete Anforderungen an Bündnisse zu formulieren.

Transdisziplinärer Dialog: Solidarische Experimente in der professionellen Pflege

Mike Korsonewski (Humboldt Universität Berlin) berichtete von seinen Interviews mit Mitarbeiterinnen* der Tagespflege Lossetal, die im Rahmen seines Forschungsprojekts zu Verknüpfungen von feministischen Ansprüchen an eine Postwachstumsgesellschaft und geschlechtergerechten Pflege- und Sorgepraktiken geführt wurden. Die Tagespflege Lossetal ist ein Kollektivbetrieb der linkspolitischen Kommune Niederkaufungen und auch Mitglied des Care Revolution Netzwerks. Dieter Schmidt, Mitarbeiter der Schwulenberatung Berlin gGmbH und aktiv im Netzwerk „Anders Altern“, teilte auf dem Panel seine Erfahrungen in der Organisation der Pflege-WG im Mehrgenerationshaus „Lebensort Vielfalt“. Beide Referenten beleuchteten, wie Aspekte von Care Revolution und Wachstumskritik in diesen Projekten praktisch miteinander verknüpft sind – auch ohne dass sich die Protagonist*innen zwangsläufig in diesen  Bewegungen verorten.

Die Tagespflege Lossetal. Foto: Archiv Kommune Niederkaufungen
Die Tagespflege Lossetal. Foto: Archiv Kommune Niederkaufungen. All rights reserved.

Als Beispiel einer selbstorganisierten Lebensgemeinschaft ist die Kommune Niederkaufungen mit einem Bestehen von über 30 Jahren und dem stetigen Wandel besonders interessant für die Care Revolution- und die Degrowth-Perspektive. Die Kommune basierend auf einem konsensual vereinbarten Grundsatz, welcher u.a. die zweigeschlechtliche, patriarchale Arbeitsorganisation im Kapitalismus kritisiert. Dabei weisen die interviewten Kommunardinnen* eine konsum- und konkurrenzzentrierte Gesellschaft und Wirtschaft, und das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie zurück. Letztere diene als Ort der Verdrängung der nötigen Erholung vom Lohnarbeitsstress ins Private, wo alle Bedürfnisse nach Versorgung und Fürsorge in einem Modell der glücklichen Heterofamilie befriedigt werden sollen. Die Effekte, die damit zumeist einhergehen, nämlich erstens die Ausbeutung der Arbeitskraft von Frauen*, zweitens die Individualisierung und Abwertung von Care-Verantwortung und fürsorglichen Arbeiten gegenüber anderen Formen der Arbeit und drittens das Verkümmern von tiefen Beziehungen und Verbundenheit, besonders außerhalb der Kernfamilie, lehnen die Kommunebewohner*innen ab. Sie begegnen diesen einseitigen Normierungen durch ein selbstorganisiertes System der Umverteilung und Aufwertung notwendiger gesellschaftlicher Reproduktion(sarbeiten). Die Trennung zwischen öffentlicher Produktionssphäre und privater Reproduktionssphäre wird weitgehend aufgelöst. Das fördert die selbstbestimmte Verantwortungsübernahme, gleichermaßen für alle anfallenden Arbeiten, für die eigenen Bedürfnisse als auch für die anstehenden Entscheidungen für die gesamte Kommune.

Die Erfahrung zeigt aber, dass heteronormative, kleinfamiliäre Strukturen inklusive der fortgeführten Feminisierung von Sorgetätigkeiten damit nicht vollständig aufgelöst sind. Die Gefahr besteht, dass diese erneut zum Ausschluss insbesondere von Frauen* von Plena und Entscheidungsprozessen führen können als auch die Nutzung der Gemeinschaftsräume bestimmt. Die Entscheidungsprozesse in den wöchentlichen Plena basieren auf dem Konsensprinzip und nicht auf Mehrheiten. Dafür ist eine breite Informationslage und Zusammenarbeit nötig. Das kann aufwendig und langwierig sein. Für das Mitsprechen und Mitbestimmen brauchen Kommunard*innen daher kommunikative Fähigkeiten, die über ein übliches Konsensverhalten im Alltag hinausgehen und die nötigen Zeitressourcen. Wie Mike Korsonewski erläutert, habe sich allerdings teilweise eine Enthaltungskultur etabliert, so dass mitunter Themen gar nicht erst angesprochen werden. Das romantische Bild der politischen Kommune sollte der Einsicht weichen, dass auch dort Dilemmata und Kämpfe zu bewältigen sind, aus denen alle lernen können.

Somit gilt es weiterhin an funktionierende und herausfordernde Praktiken solidarische und vielfältige Formen der Verbundenheit zu knüpfen, wie im Grundsatzpapier der Kommune ausgewiesen. Dies zeigt sich nicht nur im Zusammenleben sondern auch beim gemeinsamen Arbeiten. Die Kommune betreibt verschiedene Kollektivbetriebe, zu denen die Tagespflege Lossetal zählt, und wirtschaftet in einer gemeinsamen Ökonomie. Die interviewten Kollektivistinnen* berichteten Mike Korsonewski, dass dadurch der Druck, den eigenen Lebensunterhalt vollkommen allein finanzieren zu müssen, nahezu verschwindet. Die gemeinsame Ökonomie ist jedoch nicht gänzlich marktunabhängig, weil die Mehrzahl der Betriebe der Kommune auf Einnahmen durch den Verkauf von Waren und Dienstleistungen außerhalb der Kommune angewiesen ist und sich auch strapaziöse Kassenlöcher einstellen können, was u.U. zu Diskussionen über unterschiedliche Konsumbedürfnisse und Arbeitsverhalten führt. Trotzdem berichten die Kollektivistinnen* der Tagespflege, dass solch eine Form ökonomischer Selbstverwaltung zum Gefühl von Rückhalt, einer hohen Zuversicht und zur bedürfnisgerechten Versorgung im höheren Alter bzw. bei höherem Pflegebedarf führe – für sich selbst und für andere.

Außerdem verändern sich die Zeitbudgets im Vergleich zur 40-Stunden-Woche in einer vergleichbaren Lohnbeschäftigung, da im Kollektiv transparent und möglichst gleichberechtigt über den Dienstplan entschieden wird. Dazu gehört auch, dass Personen, die durch Krankheit, reproduktive Tätigkeiten oder persönliche Krisen weniger Stunden übernehmen können oder sogar ‚ausfallen‘, finanziell und psycho-sozial aufgefangen werden. In der Kommune gibt es dafür z.B. Pat*innenschaften für die kollektivere Gestaltung der Kinderbetreuung und die Kümmerei, was zweierlei meint: zum einen das selbstbestimmte Wählen und Erledigen aller Aufgaben der Geländepflege und Instandhaltung und, zum anderen, die unterstützende und vermittelnde Begleitung der Kommunard*innen im Alltag durch andere. Trotz der bedürfnisgerechteren Arbeitsorganisation kann auch in der Kommune und im Kollektiv der Arbeitsdruck sehr hoch sein, weil der Grad der Selbstverpflichtung und der Arbeitsethos sehr hoch gehalten werden: „Es kann so vieles getan werden und alle verlassen sich aufeinander“, wie es eine Kommunardin zusammenfasst.

Die Verbindung der Dimension Zeit mit dem kollektiven und lokalen Bewusstsein wird durch den Alltag der Tagespflege Lossetal erfassbar und entsteht in einem wechselseitigen Lernprozess mit der Kommunengemeinschaft. Beziehungsarbeiten und die Pflege von älteren und demenziell erkrankten Menschen verlangen  das tiefe emotionale und vertrauensvolle Einfühlen in den*die zu Pflegende*n und es müssen dabei mehrere Zeitebenen verhandelt werden, u.a. die unterschiedlichen Zeitempfinden der Pflegeempfangenden als eine mögliche Folge von Demenz, die Zeitmaße zur Benennung und zum adäquaten Nachgehen von Bedürfnissen von Pflegeempfangenden, aber auch zur eigenen Erholung der Pflegenden, als auch entlang der zeitlichen Rahmensetzung zur Ermöglichung eines (alltäglichen, betrieblichen) Ablaufs etc.. Es wird ein gleichberechtigtes Zusammenspiel von Pfleger*innen und Pflegebedürftigen, Gästen wie sie im Umgang im Tagespflegealltag benannt werden, angestrebt, bei dem die Bedürfnisse der letzteren im Fokus stehen, anstelle eines taktierten Versorgens von ‚Patient*innen‘. Die Qualität der Pflege wird sowohl durch die Kommune eigenen Prinzipien wie Konsens, Kooperation, Selbstbestimmung und Nachhaltigkeit der Arbeit, als auch durch die Lernprozesse aus der Interaktion mit den zu pflegenden Gästen erreicht. Diese sind Träger*innen eines gewachsenen, wertvollen „alten Lebens“, wie eine Kommunardin es nennt.

Der Einbezug der zu Pflegenden in die Frage, wie gepflegt werden soll, ist für eine menschenwürdige Versorgung, wie sie die Care Revolution anstrebt, Voraussetzung. Besonders deutlich wird dies, wenn die zu pflegenden Menschen gesellschaftliche Ausschlüsse und gewaltvolle Diskriminierung in ihrem Leben erfahren (haben). Diskriminierungsfreie Räume für ein nicht nur sorgenarmes, sondern auch angstfreies Altern zu schaffen, kann daher als wichtiges Ziel der Neuorganisierung von Care angesehen werden.

Der „Lebensort Vielfalt“ der Schwulenberatung Berlin gGmbH mit seiner integrierten Pflege-WG ist für die Umsetzung dieses Anliegens ein Beispiel und stand im Mittelpunkt des Beitrags von Dieter Schmidt. Das Wohnhaus ist als Mehrgenerationenwohnen für ein nachbar*innenschaftlich-unterstützendes Zusammenleben einer heterogenen Bewohner*innenschaft konzipiert. Zurzeit setzt sich diese aus größtenteils schwulen Männer* (60% ältere, 20% jüngere) und 20% Frauen zusammen. Das Alltagsleben wird durch einen ambulanten Pflegedienst für die WG ergänzt.

Der "Lebensort Vielfalt" in Berlin
Der „Lebensort Vielfalt“ in Berlin. Foto: Thomas Franz/Robert Bosch Stiftung. All rights reserved.

So gut das Projekt jetzt steht, musste es auch zu Anfang Hürden überwinden, denn Bank und Kreditinstitute waren sehr skeptisch gegenüber der zu erwartenden Rentabilität. Diese Einschätzung  beruhte auf der vermuteten,  eher geringen Umsatzaussicht durch zunächst vergleichsweise wenige Bewerber*innen für die Wohnungen. Die Umsetzung des Projektes konnte erst durch einige Privatspenden und eine umfangreiche Förderung der Klassenlotterie und der Stiftung Aktion Mensch gewährleistet werden. Die Projektverantwortlichen der Schwulenberatung Berlin gGmbH aus Vorstand und Geschäftsführung mussten hohe ökonomische Risiken tragen, da auch privatwirtschaftliche Kreditinstitute Sorgearbeit als ‚nicht lukrativ‘ und geschäftlich ‚nicht profitabel‘ sehen. Das Netzwerk „Anders Altern“, welches seit 2003 besteht und die Konzipierung des Hauses maßgeblich begleitete, fungiert einerseits als Plattform zur Begegnung, zum Austausch und Organisation von pflegepolitisch und pädagogisch aktiven Menschen der schwulen Senioren*arbeit und begleitet andererseits die Bewohner*innen des nun seit 2012 bestehenden ersten Hauses inklusive der Pflege WG der Schwulenberatung Berlin gGmbH. Weitere Projekte dieser Couleur sind aufgrund der sehr großen Nachfrage in Planung.

Durch politische und ökonomische Weichenstellung gleich zu Anfang, kann der Lebensort soziale Ungerechtigkeit abmildern. Vier Wohnungen im Nachbarschaftshaus stehen für Menschen mit Grundsicherung bzw. Hartz IV zur Verfügung.  Auch die derzeit in der Pflege-WG wohnenden Männer* erhalten durchweg Grundsicherung. Die Miete der einzelnen Wohnungen wird durch eine freiwillige Selbsteinschätzung  je nach Einkommen solidarisch aufs ganze Haus umverteilt. Wer kann, zahlt einen Euro mehr pro Quadratmeter.

Dieter Schmidt, der seit Jahren in der Schwulenberatung und im Haus tätig ist, hebt die Praxis der „Kultursensiblen Pflege“ hervor, die den Lebens- und Arbeitsalltag seit der Eröffnung 2012 stetig qualitativ hochwertig hält. Dieses Konzept meint gute Pflege und Versorgung für alle Menschen unter achtsamer Berücksichtigung ihrer individuellen Lebensgeschichte und gleichzeitiger Wahrnehmung und Anerkennung ihrer Vielfalt. Sozial konstruierte Differenzen werden durch die sensibilisierte und bedürfnisorientierte Pflege anerkannt, statt Ausschlüsse und Diskriminierungen bis ins höhere Alter durch inadäquate Pflege zu verstärken. Das Betreuungs- und Pflegepersonal wird dafür bewusst ausgewählt und schwule Lebensweisen und Erfahrungswelten werden quasi Peer-to-peer geteilt. Pflegearbeit kann nach diesem Prinzip zum einen fern ab von standardisierten und eng getakteten Abläufen gemacht werden, wie sie vermehrt in renditeorientierten Betrieben erledigt wird, und wird zum anderen aus stereotypen und geschlechterbinären Verhältnissen enthoben.

Die sozialen Angebote der Schwulenberatung Berlin gGmbH, die im Lebensort Vielfalt mitangesiedelt ist, stehen allen unabhängig vom Einkommen zur Verfügung – sowohl den Klient*innen als auch den Bewohner*innen des Hauses. Gemeinsame Besprechungen in großer Runde und verschiedene Gesprächskreise des Wohnhauses sollen den Kontakt untereinander fördern und Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander und mit den pflegebedürftigen bzw. demenzerkrankten Männern* schaffen. Das Mehrgenerationenkonzept und die relative Nähe aller Bewohner*innen zueinander unabhängig vom Maß der Pflegebedürftigkeit haben einen großen Anteil an der Lebensqualität und dem hohen Maß an Fürsorglichkeit. Die Bewohner*innen sind dadurch nicht mit der Individualisierung und Abhängigkeit einer konventionellen Pflegedienstleistung und Wohnsituation und der damit zusammenhängenden Exklusion durch Diskriminierung im heteronormativen Mainstream konfrontiert. Statt Vereinzelung wird ein Lebensalltag der Vielfalt, wie es der Projekttitel des Lebensortes beschreibt, geschaffen. Es handelt sich um eine kooperative und fürsorgliche Alternative im Umgang mit dem Thema Alter – ein Thema  das in queeren Szenen genauso wie gesamtgesellschaftlich nicht selten als ‚unattraktiv‘ gilt.

Der Pflegedienst für die Pflege-WG, der aus weiblichen* und – überwiegend – männlichen* Pfleger*innen, hetero- wie homosexuellen, besteht, organisiert das Mittagessen, weshalb die Versorgung als geschlechtergerecht geteilt betrachtet wird. Im Sinne der „Kultursensiblen Pflege“ wird auch darauf geachtet, dass das Pflegeteam zur Hälfte schwul sein sollte, um eine größtmögliche Vertrautheit mit der Lebenswelt der Bewohner* gewährleisten zu können. Die Pflegeleitung übernimmt ebenfalls ein schwuler Mann. Den Bewohnern* der WG, die ihr Lebensumfeld möglichst aktiv mitgestalten sollen und können, wird freigestellt, mit zu kochen, wenn sie dazu Lust haben: „Niemand muss, aber alle können“, so Dieter Schmidt. Dies klingt zunächst sinnvoll, auch in Bezug auf die komplexen und sich stark voneinander unterscheidenden Krankheitsbilder der Bewohner*. Es führt jedoch dazu, dass viele, die vorher keine Lust aufs Kochen hatten, sich jetzt auch nicht beteiligen und notwendige Arbeiten nicht von vielen und unterschiedlichen Menschen sondern zumeist von den ambulanten Pfleger*innen erledigt werden. Ein frei stellen führt also nicht notwendigerweise zu individueller Veränderung und einer kritischen Verschiebung vergeschlechtlichter Arbeitsorganisation. Kann einer solchen Arbeitsorganisation durch die Zusammensetzung der Pflegenden und die geschlechtsübergreifend Verteilung von Haus- und Sorgearbeit innerhalb des Pflegedienstes entgegen gewirkt werden? Inwiefern lässt sich bei den Pflege-WGs eine Alternative zur tradierten Feminisierung von Sorge- und Hausarbeit feststellen?

Alternative Pflegemodelle – transformativ oder systemstabilisierend? weiterlesen

„Mehr und Anders“ – Was bringen solidarische Care-Praxen gegen Rechts?

Beitrag in der Reihe Perspektiven vom AK Reproduktion Berlin (Artikel als PDF).

Seit der Aktionskonferenz und der Verabschiedung der Resolution der Care Revolution 2014 sind drei Jahre vergangen. In unserem Netzwerk, aber auch in Deutschland und der Welt hat sich vieles verändert. Wir, der AK-Repro Berlin, wollen mit dem folgenden Text zu der weiteren Auseinandersetzung mit einem wichtigen Aspekt dieser Veränderungen anregen: Nämlich, dass rechte Bewegungen und Parteien hier wie andernorts massiv an Zulauf gewinnen und der Diskurs um Geflüchtete und Migration uns täglich mit rassistischem Denken und Handeln konfrontiert. Auf dem bundesweiten Netzwerk-Treffen 2016 in Hamburg gab es bereits einen Workshop zu dem Thema. Was bedeuten diese Entwicklungen aus einer care-revolutionären Perspektive und welche Schlüsse ziehen wir daraus für unsere Aktivitäten? Nur, wenn wir uns mit dieser Frage beschäftigen, werden wir als Care-Revolutionär*innen im Stande sein, den Rechtsentwicklungen etwas entgegenzusetzen.

Diese Kunstaktion am Kreuzberger Oranienplatz hat im August 2016 "auf die prekäre Situation der Flüchtlinge in Deutschland und das Schicksal der Millionen, die noch kommen wollen", aufmerksam gemacht.
Diese Kunstaktion am Kreuzberger Oranienplatz hat im August 2016 „auf die prekäre Situation der Flüchtlinge in Deutschland und das Schicksal der Millionen, die noch kommen wollen“, aufmerksam gemacht. Foto: Steffen Geyer. CC-BY-NC

Die Flucht- und Migrationsbewegungen des Sommers 2015 haben die gesellschaftliche Konstellation und das politische Feld ganz schön durcheinander geschüttelt. Sie haben das Krisenregime der EU ins Wanken gebracht, das in den Ländern des südlichen Europas enorme soziale und ökonomische Einschnitte verursacht hat. Die etablierten Parteien und politischen Institutionen leiden unter einem enormen Vertrauensverlust und mit schwindender Legitimation setzen sich auf nationalstaatlicher wie europäischer Ebene autoritäre Regierungsweisen durch. Der Rechten gelingt es, die lange bestehende ökonomische und gesellschaftliche Krise und ihre Folgen im Alltag der Menschen rassistisch zu deuten und ein gesellschaftliches Klima zu schüren, in dem Angst und Konkurrenz dominieren.

Zu dieser Konstellation gehört auch die katastrophale Versorgung der Geflüchteten von Seiten des deutschen Staates. Darin offenbart sich nicht nur die teils strukturell-rassistische Verfasstheit der Sozialsysteme, sondern auch die dramatischen Folgen, die jahrzehntelanges Sparen an öffentlichen Infrastrukturen (nicht zuletzt der öffentlichen Verwaltung) gezeitigt haben. Eine humanitäre Katastrophe konnte insbesondere im Winter 2015 nur dadurch verhindert werden, dass Millionen von Menschen in ,Willkommensinitiativen’ spontan und ehrenamtlich eingesprungen sind, um mit Spenden und vor allem durch praktische Solidarität den Geflüchteten das Nötigste zur Verfügung zu stellen. Diese Bewegung der Solidarität war hierzulande überraschend und etwas qualitativ Neues. Sie hat deutlich gemacht, dass die Bereitschaft, eine zunehmend entmenschlichende Politik sang- und klanglos hinzunehmen bei vielen Leuten Grenzen hat, und umgekehrt, dass die Potentiale praktischer Solidarität deutlich größer sind, als die allermeisten (Linken) das gedacht hätten. Gleichzeitig ist es der politischen und gesellschaftlichen Rechten gelungen, diese über Monate medial als ‚Flüchtlingskrise’ bezeichnetet Situation für sich zu nutzen. Lokale Pegida-Ableger und bereits bestehende Neo-Nazi-Strukturen konnten und können massenhaft Leute zu ‚wir sind das Volk‘-Kundgebungen und Demonstrationen mobilisieren sowie gewalttätige und lebensgefährliche Angriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte organisieren. In Jahr 2016 wurden fast 1000 Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt, davon hatten laut Innenministerium 857 Anschläge einen rechtsradikalen Hintergrund, also rund 93 Prozent. Dabei wurden 560 Menschen verletzt, darunter 43 Kinder. Während neofaschistische Gruppen also nachts Menschen und Gebäude attackieren, nutzt die AfD bei Tage die Stimmung für sich.

Die AfD positioniert sich gegen die Aufnahme und Versorgung von Geflüchteten.
Die AfD positioniert sich gegen die Aufnahme und Versorgung von Geflüchteten. Foto: JouWatch. CC-BY-ND

So erreichte die AfD, was zahlreiche rechte Parteien zuvor nicht geschafft hatten: Sie konnte sich als politische Kraft rechts der CDU/CSU in der deutschen Bundespolitik etablieren. Außerdem gelang es ihr, die offensichtliche ‚Versorgungskrise’ rassistisch zu politisieren, diese als einen vermeintlichen Verteilungskampf um knappe Ressourcen darzustellen und national-soziale ‚Lösungen’ vorzuschlagen. Ihre Demagogen beklagen die hohe Kosten, die Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten mit sich bringe, und spielen dabei Geflüchtete gegen in Armut oder am Rande der Armut lebende Menschen mit deutschem Pass aus. Ihre Skandalisierung beruht jedoch auf einer falschen Gegenüberstellung: kein Mensch mit deutschem Pass ist wegen Geflüchteten ärmer geworden. Armut und die Krise sozialer Reproduktion sind ein Resultat etablierter Politiken, die seit Jahrzehnten betrieben werden. Des Weiteren konnte die AfD den verbreiteten Eindruck, die Politik’ agiere über die Köpfe der Leute hinweg, populistisch aufgreifen und sich als einzig echte ‚Alternative‘ zum maroden Politikbetrieb darstellen. In Folge erzielte sie bei Landtagswahlen aus dem Stand zweistellige Ergebnisse. Sie bildet eine Art Bündelungspunkt, der über antimuslimischen Rassismus, über anti-feministische und trans/homofeindliche Themensetzungen sehr unterschiedliche Teile des rechten Spektrums und bis weit in die sog. Mitte hinein zu verbinden vermag.

Insgesamt formiert sich die Rechte offensiver und schafft es mehr und mehr Leute hinter sich zu versammeln. Ihre Politik richtet sich nicht nur gegen Geflüchtete, sondern auch gegen Frauen*, Nicht-Heterosexuelle, Arme und sozial ausgegrenzte Menschen. Reaktionäre Familien-Rollenbilder, Rassismus und der Hass gegen eine offene Gesellschaft prägen das politische Weltbild der rechspopulistischen Bewegung. Dieser wachsende Rechtspopulismus, der sich mit der neuen Rechten verbunden hat und in Teilen neofaschistische Züge annimmt, ist außerdem längst nicht nur ein deutsches Phänomen. Sowohl die enormen Erfolge, wenn auch knapp verfehlte Präsidentschaft des Front National in Frankreich, als auch die Volksabstimmung zum BREXIT und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ziehen ihre Kraft aus ähnlichen Konstellationen. Diese internationalen Rechte verstärkt sich dabei auch gegenseitig, so beruft sich Trump positiv auf den Brexit, Front National und AfD wiederum nutzen den Sieg Trumps zu ihrer Selbstbestätigung.

Um die Frage, wie es angesichts dieser teils dramatischen Situation mit der gesellschaftlichen Entwicklung weitergehen soll, werden heftige Auseinandersetzungen geführt. Im medialen und politischen Raum polarisiert sich die Konstellation zwischen (autoritär-)neoliberalen Kräften auf der einen und Rechtspopulisten auf der anderen Seite. Die oben beschriebenen solidarischen Initiativen, Einzelpersonen und linke Kräfte sind in Deutschland kaum noch medial präsent, und finden keinen gebündelten politischen Ausdruck. Ihr engagiertes, solidarisches Wirken hat sich bisher nicht in einen politischen Einspruch übersetzt.

Gemeinsam "Gegen Nationalismus, Rassismus und Sexismus" - Care Revolution tritt ein für das Recht ausnahmslos aller Menschen auf eine würdige Versorgung.
Gemeinsam „Gegen Nationalismus, Rassismus und Sexismus“ – Care Revolution tritt ein für das Recht ausnahmslos aller Menschen auf eine würdige Versorgung. Foto: strassenstriche.net. CC-BY-NC

Wir halten es für eine drängende Herausforderung, an einem solchen gemeinsamen politischen Ausdruck zu arbeiten und eine Art ‚dritten Pol’ in dieser Konstellation öffentlich wirksam zu machen. Es bedarf unbedingt einer queerfeministischen, antirassistischen und sozialen – einer alle Menschen einschließenden und soziale Ungleichheiten thematisierenden – Alternative zur derzeitigen Politik. Wir denken, dass dies möglich ist. Das Netzwerk Care Revolution kann Teil einer solchen gesellschaftlichen Kraft sein, die mit solidarischen Care-Politiken gegen rechte Projekte eintritt. In jedem Fall lohnt es sich, darum zu kämpfen!

Was kann all das für uns und unsere Care-Politiken heißen?

Die Themen und Praxen, die sich im Netzwerk wiederfinden, sehen jedoch im Einzelnen sehr unterschiedlich aus. Unterschiedliche Gruppen des Netzwerks betrifft das Erstarken der Rechten auf unterschiedliche Weise. In der Resolution von 2014 haben wir einiges zusammengetragen, wofür das Netzwerk Care Revolution eintritt, als gemeinsamer Nenner ist dabei die Forderung nach einem guten Leben für alle weltweit als Konsens anzusehen. Wie können wir dieser Forderung unter veränderten Bedingungen eine konkrete Gestalt geben und ihr in unseren alltäglichen Kämpfen Ausdruck verleihen?

Solidarität ist für uns dabei ein zentraler Punkt. Solidarisches Handeln arbeitet einerseits der neoliberalen Idee eines vereinzelten Individuums entgegen und verhindert, dass sowieso schon marginalisierte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Auf der anderen Seite stehen solidarische Praxen auch für eine Kommunikation auf Augenhöhe, gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung von Minderheiten nach Äußerlichkeiten / Sexualität / ökonomischer Liquidität / Pass – letztlich dafür, dass allen Menschen gleiche Rechte zustehen. Rechte Initiativen wie Pegida machen sich die neoliberale Vereinzelung zu Nutze, in dem sie das reale Angebot machen, (kollektiv) politisch aktiv zu werden, sich selbst zu ermächtigen, gegen „Die-da-oben“, Teil einer Bewegung zu sein. Dabei bieten sie scheinbar einfache Lösungen an, in dem sie fordern, dass nur deutsche Menschen vom Sozialsystem unterstützt werden sollten. Somit ist „der Feind“ schnell ausgemacht: Geflüchtete, die das Geld des Sozialsystems für sich beanspruchen, wodurch ein Nachteil für Deutsche entstünde. Hinter dieser Logik steckt ein autoritär-rassistisches Verständnis von Politik, das die offenkundigen Lücken des Sozialsystems als Kampf um Ressourcen auslegt zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen. Diese Behauptungen wurden faktisch von zahlreichen Studien widerlegt. Durch Geflüchtete sind beispielsweise Hartz4-Empfänger*innen keinerlei finanzielle Nachteile entstanden. Es muss aus einer solidarischen Perspektive nun darum gehen, zu diskutieren, Menschen konkrete Angebote zu machen, sich auseinanderzusetzen, sich aber auch abzugrenzen von denjenigen, die Rassismus und Neofaschismus zu ihrem Grundverständnis von Politik erklären.

Tatsächlich ist es so, dass Angebote und Initiativen von links vielerorts fehlen, vor allem auf dem Land. Pegida und andere Gruppen bieten einfache und häufig postfaktische Antworten, sie stoßen mit ihren Praxen aber auch in eine Lücke des politischen Aktiv-Seins. Ein solidarischer Pol muss sich also auch nach außen wenden, als Angebot für die breite Bevölkerung sichtbar sein. Macht entsteht durch gemeinsames politisches Handeln.

Eine zentrale Antwort des Care-Netzwerks gegen rassistische Hetze sollte darin bestehen, gezielt die positive Erfahrungen zu stärken, dass durch eigenes solidarisches politisches Handeln Bedingungen in einem emanzipatorischen Sinne gestaltet und verändert werden können. Solidarische Praxen (wie in den Willkommens-Initiativen, aber längst nicht nur) stellen in dieser Situation ein wichtiges Moment politischer ‚Gegenmacht’ dar – und zwar aus zwei Gründen: Zum einen geben sie konkret praktische Antworten und schaffen damit teils Abhilfe für politische hergestellte Krisenfolgen und Mangelsituationen. Zum anderen bieten sie Lernmöglichkeiten eines anderen Miteinanders und der kollektiven Selbstermächtigung. Politischer Frustration kann die Erfahrung entgegengesetzt werden, dass man die eigenen Lebensbedingungen gemeinsam ändern und mitgestalten kann.

Eine zivilgesellschaftliche Initiative in Hamburg richtet im Mai 2014 (!) eine Unterkunft für Geflüchtete her, nachdem sich Regierende der Stadt offenbar damit schwer tun.
Eine zivilgesellschaftliche Initiative in Hamburg richtet im Mai 2014 (!) eine Unterkunft für Geflüchtete her, nachdem sich Regierende der Stadt offenbar damit schwer tun. Foto: Rasande Tyskar. CC-BY-NC

Wir beobachten, dass viele (im Arbeitsleben, in der Politik, im Alltag) solche Erfahrung vielleicht nie gemacht oder die Hoffnung darauf verloren haben, dass sich die Verhältnisse zu einem solidarischen Miteinander verändern. Hier muss es auch darum gehen, über echte Alternativen zusprechen, damit diese überhaupt denkbar werden können. Die Diskussionen, die wir rund um die Idee einer Care Revolution führen, und die Aktivitäten der Gruppen im Netzwerk sind hier schon ein wichtiger und bereits erfolgreicher Ansatz. Sie leben und erweitern – wenn auch in kleinen Schritten – eine solidarische Perspektive, die an den Bedürfnissen der Menschen ansetzt und ein wünschbares Leben in Aussicht stellt. Wenn wir dabei solidarisches Handelns in den Mittelpunkt stellen, können wir rechtspopulistischen Projekten entgegentreten, die auf Ausgrenzung und Abschottung zielen.

Mit der Arbeit der Willkommensinitiativen bewegen wir uns allerdings auch in einem derzeit zentralen gesellschaftlichen Widerspruch: Solidarische und ehrenamtliche Praxis, die gesellschaftsverändernd wirken soll, findet sich angesichts der momentanen Politik schnell in der Situation wieder, durch unbezahlte Arbeit Lücken in der öffentlichen Versorgung zuschließen. Lücken, die die Sparpolitik der letzten Jahre erst gerissen hat. Lücken, die von politischen Entscheidungen gegen eine solidarische Gesellschaft zeugen. Gegen diese brutale Sparpolitik antretend, finden wir uns so in einer Situation, die gröbsten Mängel auszugleichen und damit auch Strukturen zu stabilisieren, die das Problem geschaffen haben. Eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse erreichen wir so nicht. Einer solchen kalkulierten und staatlich sogar umfassend geförderten „Ver-Ehrenamtlichung“ der öffentlichen Daseinsvorsorge können wir nur dadurch entgegen treten, dass wir uns dieses Widerspruchs bewusst sind und unsere solidarischen Praxen mit konkreten politischen Kämpfen um eine Veränderung dieser Bedingungen verbinden.

Dies bedeutet gerade nicht, sich aus ehrenamtlichen Tätigkeiten zurückzuziehen – im Gegenteil geht es darum, einen Weg zu finden, wie unsere Aktivitäten mehr und anderes sein können als ein bloßes Stopfen von Lücken. Lasst uns über die Perspektiven eines rebellischen, politischen Ehrenamts nachdenken.

Dieses ‚Mehr-und-Anders’ beinhaltet auch eine materielle Grundlage für solche ‚Gegenmacht’ zu schaffen. Eine gelebte Solidarität, wo Menschen teilen, wenn und was sie können, ermöglicht Erfahrungen, wie andere gesellschaftliche Strukturen aussehen können, die bedürfnisorientierter sind. Eine mittel- bis langfristige Perspektive zielt aber beispielsweise auch auf die Ausweitung von Kollektivbetrieben, selbstverwalteten Gesundheitszentren, Genossenschaften und ähnlichem, wie sie ja auch schon Teil unseres Netzwerks sind.

Das ‚Mehr-und-Anders’ bedeutet, dass solche solidarischen Praxen auf Gegenseitigkeit, zumindest dem Versuch von Augenhöhe und einem geteilten Interesse an Veränderung beruhen sollen. Dieser Gedanke lässt sich an dem Unterschied zwischen ‚Solidarität’ und ‚Wohltätigkeit’ deutlich machen: Solidarität beruht auf gemeinsamen Interessen und der Kommunikation von Bedürfnissen, während Wohltätigkeit einseitig zu Gunsten vermeintlich Bedürftiger geschieht und immer verschiedene Hierarchien impliziert: die einen geben, die anderen nehmen; die einen haben, die anderen brauchen; die einen sind aktiv, die anderen eher passiv; die einen können gehen, wenn sie wollen, die anderen sind auf Wohlwollen angewiesen. So stabilisieren sich Abhängigkeiten, statt Ansätze für einen gemeinsamen Kampf zu finden. Widerstand und Kämpfe derjenigen, die als ‚bedürftig’ markiert sind, werden unsichtbar gemacht. Oft schleichen sich solche Momente auch dort ein, wo man das genaue Gegenteil will – hier gilt es sich die gesellschaftlich produzierten Ungleichheiten immer wieder bewusst zu machen. Es geht darum, den Zusammenhalt zwischen gleichgestellten Menschen und Gruppen und den Einsatz für eine gemeinsame Zukunft zu erproben und in verbindliche Strukturen zu gießen. Es geht darum, gleiche Rechte für alle zu erkämpfen und die bereits bestehenden Kämpfe um diese Rechte sichtbar zu machen. Aber auch kleine Schritte bilden hier einen Anfang!

Auch wenn es ziemlich groß klingen mag, so sind wir der Überzeugung, dass die genannten Praxen und Erfahrungen auch eine wichtige Antwort auf die oben skizzierte Krise der Repräsentation, auf politische Entmutigung und nicht zuletzt auf den wachsende Bewegung von rechts darstellen. Zentral ist dabei, dass wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen, denn die Angriffe der konservativen und rechten Kräfte verschärfen soziale Ungleichheiten und gelten all jenen, die sich eine solidarische Welt wüschen.

Krise sozialer Reproduktion – Care Revolution als Perspektive

Gabriele Winker auf Einladung der Marxistischen Abendschule (MASCH) Bremen

Viele Menschen geraten beim Versuch, gut für sich und andere zu sorgen, an die Grenzen ihrer Kräfte. Was als individuelles Versagen gegenüber den alltäglichen Anforderungen erscheint, ist Folge einer Krise sozialer Reproduktion: Das Primat von Profitmaximierung und Kostensenkung stellt zusehends die Reproduktion der Arbeitskraft in Frage. Dass die Überakkumulationskrise und ihre neoliberale Bearbeitung die Möglichkeiten der Menschen zu Sorge und Selbstsorge untergraben, wird so selbst zum Krisenmoment für das Kapital, das auf qualifizierte,  gesunde und motivierte Arbeitskräfte angewiesen ist. Gabriele Winker zeigt, wie alltägliches menschliches Leid mit der systemischen Unfähigkeit des Kapitalismus verbunden ist, die menschlichen Lebensbedürfnisse umfassend zu sichern. Dem setzt sie – anknüpfend an feministisch-marxistische Erkenntnisse – die Transformationsstrategie der Care Revolution entgegen, mit der ausgehend von den Alltagserfahrungen vieler Menschen Schritte in eine solidarische Gesellschaft entwickelt werden.

http://www.masch-bremen.de