1. Mai in Frankfurt – Tag der unsichtbaren Arbeit

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Die Gewerkschaften marschierten. Am „Tag der Arbeit“. Welche Arbeit? – Ist das auch der Tag der Erwerbslosen? – Und was ist mit all den Tätigkeiten, die zwar grundlegend sind für unsere Gesellschaft, die aber nicht bezahlt und daher gar nicht als Arbeit anerkannt werden, was man/frau spätestens bei der Rente schmerzlich zu spüren bekommt?

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Wir sollten die Begriffsverwirrung endlich richtigstellen. Frauen haben genug Arbeit. Was ihnen fehlt ist ein gerechtes Einkommen und Zeit. Zeit für sich und für Belange, die ihnen persönlich wichtig sind und Zeit um das öffentliche Leben stärker mitzugestalten.

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Equal Care Day Veranstaltung in Frankfurt

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Frankfurt hat am 28.2.17 als erste Stadt der Bundesrepublik, wenn nicht vielleicht von Europa oder gar weltweit, den Equal Care Day offiziell mit einer Abendveranstaltung begangen. Almut Schnerring und Sascha Verlan setzten 2016 – einem Schaltjahr – die Idee in die Welt, dass der 29. Februar zum Equal Care Day deklariert werden sollte, weil Männer statistisch vier Jahre brauchen, um die Menge an (meist unbezahlter) Sorgearbeit zu leisten, die Frauen in einem Jahr bewältigen. Um vielleicht dennoch etwas schneller eine Bewusstseinsveränderung anzustossen, wurde beschlossen, den Tag jedes Jahr zu begehen, aber an nicht-Schaltjahren eben ersatzweise am 28. Februar bzw. am 1. März.

Zur großen Freude unseres Regionalnetzwerks Care Revolution Rhein-Main wurden wir in die Gestaltung des Programms einbezogen. Wir führten mit einem kurzen Sketch ein in die Thematik, die dann von Prof. Dr. Uta Maier Graewe weiter ausgeführt wurde. Carearbeit wird großteils von Frauen ausgeübt und genießt sehr geringe Anerkennung. Wenn sie erwerbsförmig organisiert ist, dann wird sie schlecht bezahlt, weil sie als “unproduktiv” betrachtet wird. Denn in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem wird Produktivität gleichgesetzt mit Rentabilität.

So ist also die “Produktion” von Menschen – mit ihnen schwanger zu gehen, sie zu gebären, großzuziehen und sich dabei mehr als eine Nacht um die Ohren zu schlagen, zu ihren Gunsten auf einen bedeutenden Teil des eigenen Einkommens zu verzichten, vielleicht auch auf Karrierechancen und Rentenanwartschaften, die dann der Wirtschaft als Arbeitskraft und noch viel wichtiger Konsument_innen zur Verfügung stehen – so gut wie nichts Wert!?! Jedenfalls nicht wertschöpfend – im Gegensatz zur Produktion von Waren und Dienstleistungen.

Dem Vortrag folgte eine angeregte Diskussion mit den Teilnehmenden, die darum kreiste, dass die ungleiche Verteilung der Carearbeit Frauen in ihren Möglichkeiten am Erwerbsmarkt teilzunehmen, sehr benachteiligt. Und dass diese Teilnahme am Erwerbsarbeitsmarkt die Voraussetzung für eine finanzielle Unabhängigkeit und eine Absicherung im Alter bedeute. Warum denn nicht aus diesem Denkkorsett ausbrechen und Arbeit und Existenzsicherung als zwei unabhängige Größen betrachten? Wir hatten doch gesehen, dass ein sehr großer Anteil notwendiger Arbeit unbezahlt erledigt wird, also keinesfalls “des Geldes wegen”. Gleichzeitig gibt es Menschen, die über immer mehr Geld verfügen, obwohl sie nicht arbeiten. „Ihr Geld tut das für sie“. Die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens könnte doch da vieles verändern. Menschen wären existenziell abgesichert und würden arbeiten, weil sie eine Arbeit als notwendig oder wünschenswert betrachten, nicht um damit ihr Brot zu verdienen. Viele junge Männer würden sich gerne in der Familie einbringen, wenn es ihnen (finanziell) möglich wäre.

Einige Teilnehmende äußerten ihren Überdruss darüber, dass das Thema der ungleichen Verteilung der unbezahlten Arbeit seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung der Feministinnen stünde, aber immer noch keinen Deut vorangekommen sei. Wie kann endlich die notwendige kulturelle Veränderung stattfinden? Sind die Mütter daran schuld, weil sie ihre Söhne nicht richtig erziehen? Ganz bestimmt nicht, da Erziehung nicht nur eine Angelegenheit der Mütter ist, sondern der ganzen Gesellschaft, mit ihren Stereotypen und Normen. Alle, besonders die Kulturschaffenden, die Medien, die Werbung, müssen an der Veränderung der Geschlechtervorstellungen arbeiten. Und es haben ja schon Veränderungen stattgefunden. Viele Frauen verweigern z.B. bewusst eine Mutterschaft und damit ein bestimmtes Rollenklischee.

Wie könnte ein Kampf für Veränderung im Carebereich aussehen? Wenn z.B. ein Streik im Krankenhaus oder in der Familie nicht eine Konfliktsituation zwischen den zwei Polen Arbeitgeber und Arbeitnehmerin ist, sondern drei Personen in ein Spannungsfeld setzt: die Sorgetragende (eine Krankeschwester), die versorgte Person (der oder die Patient_in) und den Arbeitgeber (den Träger des Krankenhauses). Wie soll eine Mutter ihr Kleinkind einige Stunden unbeaufsichtigt sich selbst überlassen, um damit Druck auszuüben, damit z.B. mehr Kitas gebaut werden oder sich die Qualität der Kitas verbessert?

Es wurde darauf hingewiesen, dass sich im Zusammenhang mit der wachsenden internationalen Frauenbewegung in Deutschland ein Feministisches Netzwerk gebildet hat, das auch in Deutschland zu einem globalen Frauenstreik am 8. März aufruft. So wird z.B. in Frankreich aufgerufen, weil Frauen zu 21% weniger bezahlt werden als Männer, dass sie am 8. März um 15h30 die Arbeit niederlegen sollen, um auf die Strasse zu gehen und für ihre Rechte zu demonstrieren.

Ja, auch hier in Frankfurt werden wir uns beteiligen. Am 8. März werden wir um 16h an der Davidstatue an der Hauptwache für Care-Sharing demonstrieren. Wir laden alle Frauen ein, und die Männer, die ebenfalls für das Gute Leben für Alle sind: ZUSAMMEN FAIR-CAREN WIR DIE VERHÄLTNISSE!

Solidarisch für gute Pflege – Es ist 5 Minuten vor 12!

Straßenaktion in Frankfurt
Straßenaktion in Frankfurt
Solidarisch für gute Pflege
Solidarisch für gute Pflege
„Mehr von uns ist besser für alle!“ – Gute Care-Arbeit kann nur geleistet werden, wenn die zu leistende Arbeit auf genügend Schultern verteilt wird. Ob in der Krankenpflege, in der Altenpflege, in der Pflege von Angehörigen oder in der Kinderbetreuung. Der Slogan, der vom Personal der Charité gesprägt wurde, gilt für alle Bereiche der Sorgearbeit. Und so haben wir von Care Revolution Rhein-Main uns heute auf der Zeil solidarisiert mit dem Aktionstag von ver.di in den Krankenhäusern für das Einhalten der Pausen.

Gemeinsam mit Aktiven aus dem Frankfurter Netzwerk für Soziale Arbeit haben wir mit Passant_innen diskutiert über den Pflegenotstand. Darüber, dass gute Pflege alle angeht, und dass wir uns besser rechtzeitig mobilisieren. Wir haben Unterschriften gesammelt für die bundesweite Gefährdungsanzeige und Flugblätter verteilt.

Unsere nächste Aktion ist für Mittwoch, den 8. März geplant. Am Internationalen Frauenkampftag, der dieses Jahr unter dem Motto steht „Feminismus ist Widerstand, werden wir in Solidarität mit allen Sorgetragenden Widerstand leisten gegen ein System, das Profit über gutes Leben stellt.

EQUAL CARE DAY in Frankfurt mit Care Revolution Rhein-Main

Für Dienstag, den 28.2.17, um 18 Uhr lädt die Frauendezernentin der Stadt Frankfurt zu einer Abendveranstaltung zum EQUAL CARE DAY ins Museum für Moderne Kunst ein.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit unserem Netzwerk Care Revolution Rhein-Main und dem Frauenreferat statt.

Wir werden in das Thema einführen mit einem Sketch: „Care-Sharing – schon mal was davon gehört“ und nach einem akademischen Referat von Prof. Dr. Ute Maier-Graewe  mit ihr und der Frauendezernentin auf dem Podium sitzen und mit den Teilnehmenden diskutieren.

Den Abschluss bildet ein (tolles) Video der Theatergruppe Swoosh Lieu.

Das Plakat zur Veranstaltung findet Ihr hier.

Pflegenotstand – Entweder jung und gesund sterben oder sich engagieren für gute Pflege.

“Mir gehts schlecht!” sang der Frankfurter Beschwerdechor  das eigens für unsere Liegeaktion vom 10.12. gedichtete Lied zum Pflegenotstand.

Mir geht’s schlecht – Wenn ich nur an ein Altenheim denk – Wo alte Menschen apathisch sind – Wo die Schwester nach Stunden erst kann – Weil sie nur überfordert wird -Mir geht’s schlecht, weil heut wieder mal so ein Tag ist, geht’s mir schlecht.

Passant_innen blieben stehen und hörten zu, lasen die verschiedenen auf der Strasse liegenden Banner und wollten mehr über unsere Aktion wissen. Es kamen Menschen, die in der Pflege arbeiten, solche, die sich Gedanken machen über ihre Zukunft im Alter, junge, die plötzlich nachdenklich wurden…. unsere Flyer unterschrieben und welche mitnahmen zum Weiterverteilen.

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Das Wetter hatte es gut gemeint mit uns. Eine strahlenden Sonne und ein trockener Boden erleichterten die eigentiche Liegeaktion: auf einer orangenen Matte legten sich drei von uns 10 Minuten auf den Boden vor dem Brockhausbrunnen hin. Wie sollen Menschen gepflegt werden, wenn die Arbeitsbedingungen immer schlechter werden? Wenn die einzelnen Tätigkeiten immer schneller getaktet werden, wenn der Pflegeberuf immer weiter ausdifferenziert wird und zentrale Komponenten aus ihm ausgelagert werden? Es geht um den Menschen, also nicht nur um einen Körper, der gewaschen werden soll, Nahrung erhalten muss und Medikamente. Es geht auch um ein Lächeln, um das Gefühl, wertgeschätzt zu werden, um Zeit für ein Gespräch, um Beratung. Es geht um Beziehungsarbeit, die wichtig ist für den pflegebedüftigen Menschen wie auch für den Pflegenden. Denn auch eine pflegende Person will mehr als nur ein Roboter sein, der bestimmte genormte Gesten ausführt. Nur fällt das dem allgemeinen Sparzwang zum Opfer, mit dem Ergebnis, dass sich immer mehr Pflegende frustriert und ausgebrannt und um das Schönste in ihrem Beruf betrogen fühlen, während sich Pflegebedürftige vernachlässogt, ja verwahrlost fühlen.

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Mir geht’s schlecht – Weil die Pflege nichts kosten soll – Weil’s am besten die Mama macht. – Seh‘ ich dann auf den Rentenbescheid – Dann verzicht‘ ich auf Muttertag – Mir geht’s schlecht, weil heut wieder mal so ein Tag ist, geht’s mir schlecht.

Ja, die Pflege soll am liebsten als Privatsache organisiert werden. Möglichst unbezahlt und unsichtbar. Arm durch Pflege? – Ach!

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Mir geht’s schlecht – Familienarbeit der Frau’n ist umsonst – Doch die Versorgung im Gegenzug nicht – Frau´n, die alleine im Alter stehn – Keinen Mann, keine Kinder, kein Geld – Mir geht’s schlecht, weil heut wieder mal so ein Tag ist, geht’s mir schlecht.

Richtig, Frauen sollen den Löwenanteil übernehmen, denn sie sind ja dafür vorbestimmt, sie sind ja so liebevoll und machen das Unbezahlbare – das also auch nicht bezahlt werden braucht – von Natur aus gerne.

Mir geht’s schlecht – Wenn bei so viel Notstand im Land – die Millio-närs-Anzahl ständig steigt – Wenn die Sparsamkeit unten nur spart – Doch jeder Crash wird von Steuern bezahlt – Mir geht’s schlecht, weil heut wieder mal so ein Tag ist, geht’s mir schlecht.

Doch nichts ist fatal. Es geht auch anders, und das ist, was wir mit unserer Aktion sagen wollen:

Es muss umverteilt werden. Es müssen die Prioritäten anders gesetzt werden, und dann wird wahr, was der Beschwerdechor verkündet:

Mir geht’s guuut – Wenn das Geld bis zum Ersten reicht – Wenn die Miete nicht teurer wird – Wenn der Kaufrausch – aufgehört hat – Das gute Leben in Sichtweite ist – Mir geht’s gut, weil heut wieder mal so ein Tag ist, geht’s mir gut.

Liegeaktion gegen Pflegenotstand

liegeaktion_frankfurtSie tickt unaufhaltsam, die Zeitbombe des Pflegenotstands. Menschen sterben, weil immer weniger Pflegenden immer mehr Arbeit aufgebürdet wird. Aus lauter Überforderung begehen sie manchmal Fehler oder unterlassen wichtige Maßnahmen.
Angehörige pflegen sich in die Armut, weil ihre (Sorge-)Arbeit keinen Anspruch auf Einkommen oder auf Rente bewirkt, sondern als private Lebensentscheidung behandelt wird.
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Für eine Veränderung dieser untragbaren Situation werden wir eine Liegeaktion durchführen. Wir legen uns, um „5 Minuten vor 12“ in der Öffentlichkeit auf den Boden, um dadurch augenscheinlich zu machen, dass es keine gute, menschenwürdige Pflege geben kann, wenn sich die Krise in diesem Bereich der Sorgearbeit weiter ausbreitet. Mit dieser Aktion unterstützt das Regionalnetzwerk Care Revolution Rhein-Main die Kampagne BUNDESWEITE GEFÄHRDUNGSANZEIGE
MACH MIT! Wir sind alle betroffen!

Jede und jeder wird alt und pflegebedürftig. Es sei denn, er oder sie stirbt vorher rechtzeitig!

UmCare! Sozialpolitischer Thementag zur Sorgearbeit in Frankfurt am Main am 19.11.2016

el-u-el-rassismusEs sollte eine Impulsveranstaltung sein. Menschen, die sich privat oder beruflich aus ganz unterschiedlicher Perspektive mit Sorgearbeit befassen, sollten Gelegenheit haben, miteinander ins Gespräch zu kommen um sich zu vernetzen. Denn miteinander – trotz Widersprüche – geht alles besser.  Und? Was kam dabei heraus?

Wie es im ihrem „Blitzlicht” die Arbeitsgruppe „Vernetzung und Frankfurter Aufruf” festhielt: „Wir knüpfen den ersten Faden. Jetzt fangen wir an. Wir wollen aufklären und sensibilisiern. Wir treffen uns am Mittwoch, den 11.1. um 15:00 in der GFFB, Mainzer Landstraße 349, 3. Stock.” Spätestens dort, nach dem ganzen Weihnachtsrummel, wird die Vernetzung mit den „Neuen” fortgeführt.

Von den ca. 80 Teilnehmenden, darunter eine Gruppe Studierende der Sozialen Arbeit an der Hochschule Darmstadt,  haben die Hälfte den Frankfurter Aufruf unterzeichnet, der  – anknüpfend an das bundesweite Netzwerktreffen in Hamburg – als Charta der Selbstverständlichkeiten an alle verteilt wurde. Er wird neuen Interessierten helfen zu verstehen, worum es uns geht. Und wir werden ihn einsetzen bei politischen Entscheidungsträger_innen und ihn zum Beispiel bei den nächsten Wahlen mit Kandidatinnen und Kandidaten diskutieren.

In der Veranstaltung ist es gelungen, dass bereits engagierte, aber auch am Thema neu interessierte Menschen miteinander ins Gespräch kamen. Es wurde an einem schönen, bunten und starken Netz weitergeknüpft, das bereits während der Veranstaltung Impulse für die nächsten politischen Aktivitäten gesetzt hat.

Weitere Information sind im Blog der Care Revolution Rhein-Main zu finden.

Netzwerk Care Revolution Rhein-Main auf Streikkonferenz aktiv

Mit einem Infostand und vielen Vernetzungsgesprächen waren mehrere Mitstreiter_innen unseres Regionalnetzwerks auf der dritten Streikkonferenz zugegen, die dieses Jahr in der Goetheuniversität in Frankfurt stattfand.

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Zentrale Fragen waren z.B. Wie lassen sich zukünftig Arbeitskämpfe, vor dem Hintergrund der neoliberalen Ist-Situation,besser organisieren und durchführen? Sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze werden immer seltener und die Arbeitsverdichtung in allen Branchen steigt, so daß den Menschen immer mehr Angst eingejagt wird und es bald mit der Digitalisierung und Robotisierung ein Privileg sein wird, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen…

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Wie die Arbeitsverdichtung zeigt, ist nicht Arbeitsmangel das Problem, sondern der Preis, der für die Arbeit gezahlt wird. Die (Lebens-)Zeit der Menschen in Erwerbstätigkeit wird entwertet. Das entpricht zum einen einer realen Lohnsenkung,  zum andern haben Menschen, wenn sie in Rente gehen,nicht ein Pensum von 40 Jahren abgearbeitet, sondern eines, das weitaus mehr Jahren entspricht, ohne jedoch die entsprechende Rente dafür zu erhalten. Sie werden somit immer öfter um die Früchte ihres Fleisses geprellt.

Darüber hinaus erleben Erwerbsarbeit und Mobilität inzwischen eine enorme Wechselwirkung: Es beginnt mit den Pendler_innen, die wegen unbezahlbarer Mieten in Ballungsgebieten lange Anfahrtswege bis zum Erwerbsarbeitsplatz auf sich nehmen. Hier handelt es sich um wertvolle Lebenszeit. Diese fehlt den Pendler_innen für Erholung und Familie und sie wird bei der Entlohnung nicht angerechnet, aber inzwischen zunehmend vorausgesetzt.

Weiter geht es mit der Zeit, die täglich in Verkehrsstaus des Berufsverkehrs verloren wird z.B. von Paketausträger_innen oder von ambulanten Pfleger_innen. Auch diese Zeit wird immer öfter nicht bezahlt, sondern muss z.T. von der oder dem Arbeitleistenden “ersetzt” und so privat auf dem Konto der eigenen Lebenszeit unter “Verluste” verbucht werden.

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Aber nicht nur in der Erwerbsarbeit läuft es so. Auch auf die nicht erwerbsförmig erledigte Arbeit wirkt sich diese Entwertung der (Lebens-)Zeit von Arbeitenden aus. Denn unbezahlt bleibt zunächst alles das, was Erwerbsarbeitende oder solche die ihre Haut auf den Erwerbsarbeitsmarkt tragen.

Was der/die Einzelne “in sich selbst investiert”, um sich besser zu vermarkten, hat regelrecht zu einem Selbstoptimierungwahn geführt. Wieviel Zeit und Kraft wird unbezahlt investiert, um der Figur-, Frisur und Kleidernorm zu entsprechen, die von Werbung und Celebritybildern vorgegeben wird. Wieviel (größtenteils unbezahlte) Zeit und Kraft in formale und informale Weiterbildung. Wieviel unbezahlte, eigentlich für Erholung benötigte Zeit, wird zweckentfremdet um Dinge zu erledigen, die mit der Erwerbsarbeit zusammenhängen. Smartphone läßt grüßen.

Schon die Kinder werden diesem Druck ausgesetzt, einmal von einem Bildungssystem, das seine Hauptaufgabe darin sieht, vermarktbare Arbeitskräfte zu produzieren, und zwar schon von Kindesbeinen an sortiert für den Bedarf im Billiglohnsektor, dem wachsenden Prekariat der Hochqualifizierten und dem schrumpfenden Rest für die (noch) verbleibenden gut dotierten Arbeitsplätze. Einem Bildungssystem, das Wettbewerb statt Kooperation belohnt.

Dann aber auch dem Druck von Eltern, die ihre Angst vor sozialem Abstieg, vor Altersarmut, vor Verlust der Erwerbsarbeit an ihre Kinder weitergeben und sie so gezwungener Maßen zu Selbtsoptimierer_innen in einer entsolidarisierten Gesellschaft dressieren. Eine ganze Reihe Kinder wachsen allerdings auch mit dem Bewußtsein auf, dass sie gesellschaftlich unerwünscht und bestenfalls toleriert werden. Dass sie keine Chancen haben und ihre Lebensperspektive in einer Karriere als “Hartzer” vorgezeichnet ist.

Wachsende Arbeits-Verdichtung in der Produktion von Waren ist ein Problem, sowohl für die körperliche wie seelische Gesundheit der Arbeitenden wie auch unter Umständen für die Qualität der produzierten Waren. Müde Menschen machen leichter Fehler. Um wieviel schwerwiegender wirken sich die Folgen dieser durch Müdigkeit verursachten Fehler, wenn es um die Pflege und Betreuung von Menschen geht. Wenn Patienten versehentlich falsche Medikamente verabreicht werden. Oder wenn “vergessen” wird, ihnen z.B. Schmerzmittel oder andere dringend benötigte Medikamente zu geben. Wenn sie Stunden warten müssen, damit grundlegende Bedürfnisse wie Durst oder aufs Klo gehen erfüllt werden können, weil die Pflegenden neben administrativen Aufgaben einfach zu viele Patienten gleichzeitig zu versorgen haben.

Am Beispiel des erfolgreichen Arbeitskampfs in der Charité konnte gezeigt werden, dass solidarische Mobilisierung, auch außerhalb des Betriebs (Krankenhauses) viel erreichen kann. Auch wenn ein Arbeitskampf stattfindet im Spannungsverhältnis zwischen gewerkschaftlichem Protest und der Arbeit mit Menschen, wie es immer im Sektor der erwerbsförmig organisierten Carearbeit ist. Ob im Bereich der Erziehungs- und Sozial-arbeit, in der Pflege oder der Assistenz.

Genau diese solidarische Mobilisierung will unser regionales Netzwerk vorantreiben. Als konkreten Sektor wollen wir uns auf den Bereich der Pflege konzentrieren und die Aktionskampagne  „Bundesweite Gefährdungsanzeige“ unterstützen.

Sie ist bereits in der Startphase und wird ihren Höhepunkt am kommenden internationalen Pflegetag, dem 12. Mai 2017, erreichen.

Grundeinkommen und Care-Arbeit – Vortrag von Antje Schrupp am 3.9.16 in Frankfurt

Die Politikwissenschaftlerin und Bloggerin Antje Schrupp setzt sich in diesem Vortrag damit auseinander, wie die unter- oder unbezahlte, unverzichtbare Sorgearbeit in den Debatten um das Grundeinkommen einbezogen wird. Richtig verstanden, so heißt es im Ankündigungstext für diesen Vortrag, kann das Grundeinkommen eine Ausgangsbasis darstellen, von der aus neue, gerechte Gesellschaftsverträge und Geschlechterverhältnisse ausgehandelt werden können.

Herren mit Schürzen in Frankfurt anlässlich des 8. März

Eine Gruppe Aktivistinnen des Netzwerks Care Revolution in Frankfurt am Main haben am 5. März 2016 anlässlich des Internationalen Frauentags eine “Schürzenaktion” durchgeführt. Vier Männerstatuen wurden mit Schürzen bekleidet, die die Aufschrift trugen: “Wir Männer fordern: Gleichen Anteil an der unbezahlten Sorgearbeit. Bedingungsloses Grundeinkommen für Alle, um diese Arbeit leisten zu können”.

Mit der Aktion wollen wir auf die Bedeutung der unsichtbaren Arbeit hinweisen, die zum überwiegenden Teil von Frauen, meist unbezahlt, erledigt wird. Diese Tätigkeiten sind unabdingbar und bilden die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens, denn sie befriedigen die grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse. Trotzdem wird ihnen der Status einer Arbeit verweigert. So entstehen aus dieser Arbeit keinerlei Rentenansprüche, was diejenigen, die viel Lebenszeit damit verbrauchen im Alter oft schmerzlich zu spüren bekommen.

Mit der Aktion wollen wir zum internationalen Frauentag darauf hinweisen, dass es in unserer Gesellschaft nicht nur ein Pay-Gap gibt, eine Diskriminierung in der Entlohnung für gleiche Arbeit aufgrund des Geschlechts, sondern auch ein Care-Gap, eine Diskriminierung in der Leistung von größtenteils unbezahlter Sorgearbeit, aufgrund des Geschlechts. Frauen erledigen 80% der Sorgenarbeit. Nur die restlichen 20% wird von Männern geleistet.

Bei den “beschürzten” Männerdenkmälern handelt es sich um Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Heinrich Heine und Ludwig van Beethoven. Sie befinden sich auf dem Goetheplatz und in der Taunusanlage.

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